Der Duft des Haiku – 13 klassische Dreizeiler nicht nur für die Nase

Der Duft des Haiku - 13 klassische Dreizeiler voller Schönheit

Man muss kein angehender Parfümeur sein, um in Düften schwelgen zu wollen. Haiku können sinnlich sein, Gerüche gehören ganz selbstverständlich dazu. Häufig sind es Blüten, was naheliegt.

Das alte Japan mag ganz anders gerochen haben, als wir es uns heute vorstellen können, vor allem in den Städten. Dennoch kommen uns die Haiku auch hier vertraut vor. Vieles ist nämlich immer noch wie damals. Die Welt hat sich gar nicht so geändert. Pflaumenblüten sind immer noch Pflaumenblüten, was immer zwischendurch geschehen sein mag.

Auf dem Marktplatz,
der Duft von allem –
Sommermond.

Nozawa Bonchō (1640–1714)

Nicht zu fassen –
der Duft des Frühlings
im bunten Gewand.

Masaoka Shiki (1867–1902)

Flimmernde Hitze –
mit jedem Schlag der Hacke
duftet die Erde.

Takakuwa Rankō (1726–1798)

Der Duft von Pflaumenblüten –
plötzlich leuchtet die Sonne
über dem Bergpfad.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Melonenduft –
ein Fuchs steckt seine Nase
in die Mondnacht!

Kaya Shirao (1738–1791)

Melonen wurden im Sommer auf Feldern angebaut und reiften im Freien. Ihr süßlicher Duft zog nachts Tiere an – Dachse, Tanuki, Füchse. Das Bild eines Fuchses, der seine Nase in den mondbeschienenen Melonenduft steckt, verbindet das Ländliche mit dem Magischen.

Meine Heimat –
wenn die Blüten der Mandarine
ihren Duft verströmen.

Taneda Santōka (1882–1940)

Pflaumenblüte –
faltige Hände halten
ihren zarten Duft.

Yosa Buson (1716–1784)

Der Duft der Dunkelheit,
pflückt man ihn, ist er weiß –
Pflaumenblüten.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Der Duft der Pflaume
steigt empor –
bis in des Mondes Hof.

Yosa Buson (1716–1784)

Pflaumenduft –
ich schiebe die Tür beiseite,
Mondnacht!

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der Duft des Frühlingstees –
und die Mittagsmüdigkeit
ist verflogen.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Shincha ist der erste Tee des Jahres. Die Pflanze Camellia sinensis treibt nicht jedes Jahr neu aus, sondern hat ganzjährig Laub und ruht nur im Winter. Sobald es wärmer wird, beginnt sie wieder zu wachsen – und die ersten zarten Triebe gelten als die beste Ernte des Jahres. Blüten, Düfte, Garten: In meinem Buch Haiku für jeden Tag gibt es dazu ein eigenes Kapitel: »Garten und Balkon«.

Auf der Suruga-Straße –
selbst die Orangenblüten
duften nach Tee.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Suruga war ein historisches Teeanbaugebiet, bekannt für seine duftenden Felder. Bashō schrieb dieses Haiku im Sommer 1694 beim Betreten der Provinz.

Pflaumenblüten duften (extern) stärker als Kirschblüten. Das ist in der japanischen Lyrik tief verankert – der Pflaumenduft steht für das Unsichtbare, Tiefe und Frühere, der Kirschblütenfall für das Flüchtige, Sichtbare, Endende. Falls du Kirschblüten vermisst haben solltest – das war die Erklärung.

Der Duft des Haiku - 13 klassische Dreizeiler voller Schönheit

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