
Was könnte besser sein, als das Neue Jahr mit einem Haiku zu beginnen. Drei Zeilen genügen, um einen Moment zu fassen, der nicht erklärt werden will.
Das Neue Jahr ist keine einheitliche Größe. Es ist eine Zeit mit vielen Bräuchen, die sich je nach Ort und Epoche unterscheiden. Manche wirken vertraut, andere fremd oder heute fast vergessen. Dazu gehören Reinigungsrituale, kleine symbolische Handlungen, Speisen, die nur zu diesem Anlass gegessen werden, und Texte, die den Übergang begleiten. Gemein ist ihnen weniger der Wunsch nach Veränderung als der Versuch, einen Einschnitt bewusst wahrzunehmen.
In Issas Zeit begann das Jahr nicht am ersten Januar. Japan folgte noch dem Mondkalender, und der Neujahrstag fiel in den heutigen späten Januar oder in den Februar. Das Jahr begann nicht im tiefen Winter, sondern zu einer Zeit, in der sich in der Natur bereits erste Anzeichen des Frühlings zeigen. Das Licht verändert sich, der Frost lässt nach, einzelne Knospen werden sichtbar. Das Neue Jahr liegt näher am Werden als am Stillstand.
Diese zeitliche Verschiebung prägt auch die Haiku, die zum Jahresbeginn entstanden. Sie stehen nicht im Zeichen eines abstrakten Neubeginns, sondern sind eingebettet in konkrete Wahrnehmungen. Neujahrsrituale erscheinen darin nicht als festgelegte Formen, sondern als Teil des Alltags. Sie geschehen nebenbei, zwischen Wetter, Landschaft und menschlicher Gewohnheit. PS: Wenn du einen Gruß suchst, probiere den Neujahrsgruß Generator aus.
Kaum spürbar –
Uejima Onitsura (1661–1738)
und doch ist er da
der Neujahrstag!
Neujahrsmorgen –
Takakuwa Rankō (1726–1798)
die Kiefern schweigen
am östlichen Berg.
Der Berg Higashi (Higashiyama) ist der dem traditionellen Kyotoer Rückzugsraum für Gelehrte, Dichter, Mönche.
Die Glücksblumen blühen,
Murakami Kijō (1865–1938)
Pinsel und Tuschstein sind da –
so viele gute Vorzeichen!
Ein Neujahrs- oder Frühjahrs-Haiku voller guter Omen und geistiger Klarheit. Das Adonisröschen (福寿草 fukujusō) blüht oft rund um das Neujahrsfest – sein Name selbst ist Programm: Glück und langes Leben. Dass gleichzeitig Pinsel und Tuschstein bereitliegen, verweist auf das Schreiben. Alles stimmt, alles verheißt Gutes.
Neujahrstag –
Sakurai Baishitsu (1769–1852)
die Frau und Kinder
eines anderen sind schön.
Im Morgenbad
Matsuoka Seira (1740–1791)
höre ich die Buschlerche –
schwer verkatert.
Ein typisches Neujahrshaiku – wohl am 2. Januar. Der futsukayoi (Kater) ist nicht nur ein vertrauter Zustand in Japan nach dem Jahreswechsel. Das Datum ist zwar nicht angegeben, aber die Umstände deuten darauf hin.
Neujahrswasser –
Nakagawa Otsuyoshi (1675-1739)
das Alter vergessen
am Ziehbrunnen.
Gemeint ist das zu Neujahr geschöpfte Wasser, ein rituelles erstes Wasser im neuen Jahr, gilt als heilig und reinigend. Ähnliche Bräuche gab es auch im deutschspraigen Raum, besondern im Süden. Ein Gang zur Quelle bei Morgendämmerung, das Wasser schöpfen in Schweigen – das ist Magie in Reinform.
Noch sind die Äste kahl –
Ihara Saikaku (1642-1693)
bei den Menschen blühen
die ersten Gewänder.
Das erstes Gewand des Jahres ist das Neujahrsgewand, auch: Festkleidung zur Saisoneröffnung
Einsam am Neujahrstag –
Taneda Santōka (1882–1940)
Mochi und Sake sind da,
aber sonst …
auf dem kahlen Baum
Taneda Santōka
sitzt eine Krähe –
auch Neujahr ist vorbei
Im Schnee von Sumiyoshi
Yosa Buson (1716–1784)
verneigt sich
die Dirne.
Sumiyoshi – berühmter Shintō-Schrein in Osaka, auch als Ortsname; oft verbunden mit Neujahrs- und Winterbildern
Neujahrstag –
Konishi Raizan (1654 – 1716)
der Bach ist der Bach,
das Geräusch des Wassers.
Von draußen wirft sich
Kobayashi Issa (1763–1828)
eine Pflaumenblüte
in den Glückstee!
Glückstee, ein Neujahrstee, oft mit Umeboshi (salzige eingelegter Pflaume), Kombu, Bohnen usw. Neujahrstee (fukucha) wird traditionell am ersten oder zweiten Januar getrunken, und die erste ume kann zu dieser Zeit bereits aufblühen – besonders in wärmeren Tälern, bei sonnigem Wetter.

