Haiku – Nur drei Zeilen, aber sie treffen ins Herz

Haiku: Nur drei Zeilen – aber sie treffen direkt ins Herz

Verse, die mit einem emotionalen Einschlag überraschen, das Leben berühren oder existenzielle Tiefe in wenigen Worten entfalten. Hier ist meine kleine Auswahl von Haiku, die diesen Anspruch mit voller Wucht gerecht werden.

Jeder dieser Dreizeiler trifft auf seine Weise, mal leise, mal schmerzhaft, mal wie ein Aufleuchten in einer dunklen Welt. Viel muss nicht gesagt werden. Lies selbst.

Verlust & Erinnerung

Meine verstorbene Mutter –
jedes Mal, wenn ich das Meer sehe,
wirklich jedes Mal …

Kobayashi Issa (1763–1828)

Ich habe nichts ausgelassen,
doch am Ende sehe ich nur
die weiße Chrysantheme.

Kosugi Isshō (1652–1688)

Alles mitgenommen – und eine letzte Blume. Endgültigkeit mit Würde.

Wenn nur mein Vater hier wäre …
Morgendämmerung über
grünen Reisfeldern.

Kobayashi Issa

Ein Wunsch, ein Bild, eine Leerstelle – voller Liebe.

Stille & Natur als Spiegel

Fest der Seelen –
gestern noch Gastgeber,
heute selber Gast.

Sofu (unbekannt)

Ein Abschied mit Haltung und Humor. Ein Haiku als Übergangsritual in eine andere Welt.

An der Bretterruine
bläst der Wind vom Meer –
Wintermond.

Kobayashi Issa

Leere, Weite, Kälte. Doch es bleibt etwas zurück.

Alles ist verbrannt –
doch die Blüten
fielen in Würde.

Tachibana Hokushi (1665–1718)

Zerstörung und Stolz in einem Atemzug. Ein Gedicht wie ein Denkmal.

Noch mehr Haiku, die das Leben auf den Punkt bringen? In meinem Buch Haiku für jeden Tag gibt es dazu ein eigenes Kapitel: »So ist die Welt«.

Zartheit, Schönheit, Dilemma

Zu schade, es zu pflücken,
zu schade, es nicht zu pflücken –
das Veilchen!

Anonymus (aus der Bashō-Zeit)

Ein inneres Ringen in drei Zeilen. Menschlich, poetisch, zeitlos.

Schmetterling, was träumst du,
dass du so mit den
Flügeln zuckst?

Chiyo-jo (1703–1775)

Zart wie ein Hauch – doch es bleibt hängen.

Sehnsucht & Weite

Ich sehe die Berge,
ich sehe das Meer –
Herbstabend.

Kobayashi Issa

Ein Blick, ein Raum, ein inneres Verstummen. Die Welt hält inne.

So ist die Welt:
Schmetterlinge –
und alles andere eben auch.

Nishiyama Sōin (1605–1682)

Lakonisch und weise – das Leben mit einem Schulterzucken erklärt.

Haiku: Nur drei Zeilen – aber sie treffen direkt ins Herz
bluetenschmetterlinge

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