Nebel – 12 geheimnisumwitterte Haiku

Haiku mit Nebel

Nebel löst die Welt auf. Was eben noch fest war – ein Berg, ein Gesicht, eine Hand – wird weich, verschwimmt, verschwindet. Der japanische Begriff »oboro« beschreibt diesen Zustand: nicht ganz Dunst, nicht ganz Schleier, etwas dazwischen. Ein Frühlingswort, obwohl der Nebel keine Jahreszeit kennt.

Haiku-Dichter liebten den Nebel, weil er das Unausgesprochene sichtbar macht. Was im Dunst verschwindet, gewinnt an Bedeutung. Der Abschied wiegt schwerer, wenn die winkende Hand verblasst. Der Mond leuchtet sanfter, wenn er durch Schleier scheint. Der Nebel nimmt nichts weg – er verwandelt.

Vor den Blütengesichtern
duckt er sich scheu –
der Nebelmond.

Matsuo Bashō (1644–1694)

In die Blumenwelt
sacht eingehüllt –
der Nebelmond.

Chiyo-jo (1703–1775)

Ōhara –
Schmetterlinge erscheinen und tanzen
im Nebelmond.

Naitō Jōsō (1662–1704)

Ōhara ist ein Dorf nördlich von Kyōto, bekannt für seine abgeschiedene Lage in den Bergen. Seit Jahrhunderten ein Rückzugsort – auch für die Dichterin Kenreimon’in, die hier nach dem Untergang der Taira ihr Leben als Nonne verbrachte.

Die Katze türmt,
der Pflaumenbaum bebt –
Nebelmond.

Ikenishi Gonsui (1650–1722)

Nebelmond –
jeder Schritt
ein Abschied.

Mukai Kyorai (1651–1704)

Dunst über dem Fluss –
der Nebel verwischt
die mondhelle Nacht.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Haiku? Wenn du Haiku zum ersten Mal liest, kannst du sie einfach auf dich wirken lassen. Klassische Haiku sind immer:

– authentisch, nicht nachgemacht
– wirksam, wie Medizin, aber voller Poesie
– traditionsverbunden, aber nie museal
– zeitlos, jedoch nicht verstaubt

Hier sind Haiku Klassiker Beispiele. Für mehr Hintergrund und Tipps zur Anwendung im Alltag gibt es weiterführende Seiten:

Was ist ein Haiku?
Was ist das Geheimnis der Haiku?

Die Frau, die mich traf,
war sie etwa eine Diebin?
Nebelmond.

Tan Taigi (1709–1771)

Herbstvollmond –
am Fuß des Berges Nebel,
über den Reisfeldern Dunst.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Leb wohl, Leb wohl –
die winkende Hand
verblasst im Nebel.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Muh, muh, muh –
aus dem Nebel treten
die Kühe hervor.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Aus dem Dickicht heraus,
Berg reiht sich an Berg –
Frühlingsnebel.

Chiyo-jo (1703–1775)

Morgen für Morgen –
der Tee schmeckt besser,
wenn der Nebel fällt.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Frühlingsregen –
benebelt vom Onsen
auf das Meer schauen.

Masaoka Shiki (1867–1902)

Ein Onsen ist ein japanisches Thermalbad mit natürlich heißem Quellwasser. Das heiße Bad erzeugt einen tranceartigen Zustand – »benebelt« im doppelten Sinn: vom Dampf und von der Wärme.

nichts als sterben –
der Berg verschwimmt
im Nebel

Taneda Santōka (1882–1940)

Übersetzerhinweis

Wie ich übersetze
Die Übersetzungen stammen von Lenny Löwenstern. Jede Zeile wurde sorgsam bearbeitet – nicht automatisch, sondern mit viel Sprachgefühl und modernen Werkzeugen. Ziel war, das Wesen der japanischen Originale zu bewahren – in einer Weise, die heute berührt.
bluetenschmetterlinge

NEWSLETTER! HAIKU FÜR DICH

Melde dich an und erhalte jeden Sonntag ein Haiku in dein Postfach, einfach so und leicht wie ein Schmetterling. Mit Haiku-Überraschung (PDF).

Kostenlos. Jederzeit abbestellbar. Wir senden keinen Spam!

Über diese Seiten

Hoshitori Haiku, das sind Haiku für Dich. Klassische japanische Dreizeiler in neuer deutscher Übersetzung von Lenny Löwenstern.

Der Haiku Wanderer

Sie wirken wie Wellness. Aber sie meinen es ernst! 300 Haiku, die uns glücklich machen!

Kann nicht anders, als zu pfeifen –
der Morgen, der Wald,
so blau!

Ozaki Hōsai (1885–1926)

Diese Haiku sind älter als Instagram – und besser. Japanische Klassiker, neu übersetzt. Lachen, staunen, leben lassen. Drei Zeilen – und die Welt sieht plötzlich anders aus.

Keine Sprüche. Keine Glückskekslyrik. Dieses Buch zeigt, was Haiku wirklich sind und wie sie wirken: kurz, klar, lebendig – und voller echter Freude.

Fast Vollmond –
heute Nacht, mit neununddreißig,
bin ich wieder Kind.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Ein Haiku ist kein Rätsel. Es braucht keine großen Worte. Es fängt einen Moment ein – klar, direkt, lebendig. Wer Haiku liest, sieht die Welt anders: mit offenem Blick und einem offenen Herzen.

Dieses Buch versammelt 300 klassische Haiku von 29 Autoren – mal heiter, mal zart, oft überraschend. Es ist kein Lehrbuch, sondern eine Einladung zum Staunen, Schmunzeln und Wiederentdecken.

Haiku – Die Poesie des Augenblicks

Haiku zeigen, was im Alltag leicht verloren geht: das Glitzern einer Wasserfläche, das Spiel eines Falters, das Lachen eines Kindes. Kein Zuckerguss – sondern echte, klare Freude.

Für alle, die das Leben spüren wollen – in seiner leichten, warmen, wahren Art.

Auf dem Rücken
der Reispflanzerin schläft
ein kleiner Falter.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Herausgegeben und neu übersetzt von Lenny Löwenstern. Erschienen im April 2025. Leseprobe mit Originalhaiku aus dem Buch zum Download (PDF).

Buchabbildung: Haiku, die uns glücklich machen!

eBook & Digital

Amazon KDP — 6,99 €
Tolino (alle Shops, z. B. Thalia und andere)
Google Play, iTunes
Etsy (PDF)

Taschenbuch (Print)

Überall im guten Buchhandel und in allen Online-Shops.
Oder im BoD Shop
Sternenvogel Verlagsgesellschaft mbH
Edition Hoshitori
ISBN: 978-3-911889-00-1
190 Seiten, 14,99 €