
Das klassische Haiku kennt bei weitem mehr als Kirschblüten und Kimonos. Der jung verstorbene Neuerer Shiki hatte einen ungeschönten Blick auf seine Welt. Was du hier liest, ist unnachgiebig, klar und stilistisch stark zurückgenommen.
Zehn Dreizeiler als Gegenpol zum rührseligen verkitschten Haiku im barocken Stil der alten Meister. Genau das hatte Shiki gewollt.
sitzend schärft
Masaoka Shiki (1867–1902)
ein Henker sein Schwert –
diese Kälte!
Sargnägel einschlagen –
Masaoka Shiki
ihr Echo hallt nach
in der Kälte der Nacht
Herbstregen –
Masaoka Shiki
die kranken Augen frieren
am Morgenfenster
Dieses Haiku ist sehr persönlich – Shiki litt an Tuberkulose und war lange ans Krankenbett gefesselt.

ein Wolf –
Masaoka Shiki
die Hoden des Reisenden
erstarren zu Eis
Brandstätte –
Masaoka Shiki
ein verkohlter Pfeiler
ragt in der Kälte auf
man sagt bei der Kiefer
Masaoka Shiki
lauere ein Wegelagerer –
blanke Kälte
eine Totenlaterne spiegelt sich
Masaoka Shiki
im Wasser des Reisfelds –
diese Kälte
Frostmond –
Masaoka Shiki
auf dem Pfad verrotten
rote Ahornblätter
Frostmond ist der November im alten japanischen Kalender.
der Hund ist tot –
Masaoka Shiki
ich schaue in die Hütte
die Kälte bleibt
ein Fuchsfeuer
Masaoka Shiki
spiegelt sich im See –
diese verfluchte Kälte!
Das Fuchsfeuer ist ein Irrlicht – eine Erscheinung, die täuscht, lockt und verirrt.

Zehn kalte Verse, zehn Blicke in die Dunkelheit. Shikis Haiku verschonen nicht – sie zeigen das Leben, wie es ist: karg, kalt, endlich.
Wenn du mit dem kargen, unverblümten Stil etwas anfangen kannst: Gehen, Trinken, Zen – 20 nackte Haiku von Taneda Santōka
Werkstattbericht
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