
Was sind eigentlich diese winzigen japanischen Gedichte, die man Haiku nennt? Man begegnet ihnen öfter – entweder als jahrhundertealte Originale oder in moderner westlicher Form. Jeder kann sie lesen. Doch nur die besten Haiku verheißen Glück auf die Schnelle.
Das Haiku ist eine der kürzesten, der ältesten und zugleich schlichtesten Formen der Dichtung. Es nimmt sich flüchtiger Momente an – wie ein Fenster, das sich für einen Augenblick öffnet.
Weiße Kamelien –
Takakuwa Rankō (1726–1798)
nur ihr Fallen ist zu hören,
mondhelle Nacht.
Ein Haiku zu lesen bedeutet, eine Wohlfühldosis in Sekunden zu erhalten. Ein plötzlicher Energiestoß, eine neue Sichtweise, eine unerwartete Idee. Instant. Einfach da.
Jahrhunderte alt – und doch überraschend frisch. Sie altern praktisch nicht. Es gibt im Haiku keine gekünstelten Sprachmelodien, keine gedrechselten Bandwurmsätze und keinerlei Reime. Dafür existieren Augenblicke, Beobachtungen und Einsichten ins Leben.
Den ganzen Tag
Taneda Santōka (1882–1940)
kein Wort –
nur die Wellen.
Was genau ist ein Haiku?
Ursprünglich aus Japan stammend, folgt das Haiku einer strengen Struktur: Fünf, sieben und wieder fünf Silben. Zudem muss ein sogenanntes Kigo enthalten sein – ein Wort, das auf eine Jahreszeit hinweist. Moderne Zeiten haben diese Regeln längst aufgeweicht.
Die alten Regeln sind wie der Rahmen eines Gemäldes, der den Blick auf das Wesentliche lenkt. In wenigen Worten steckt alles: ein Bild, ein Gefühl, vielleicht eine ganze Geschichte.
Die Nachtigall –
Kobayashi Issa (1763–1828)
unter einem Eimer
miaut die Katze.
Die Silbenstruktur geht in den meisten Übersetzungen verloren – was niemanden stört. Die Form ist im Grunde auch gar nicht so wichtig. Moderne Haijin – so nennt man die Schöpfer von Haiku – kümmern sich meist wenig darum. Was zählt, ist der Geist des Haiku.

Warum es sich lohnt, Haiku zu lesen
In Haiku geht es um Einsamkeit und Sehnsucht, um die Melancholie des Augenblicks, die Romantisierung des Vergänglichen und die poetische Verdichtung des Lebens. Haiku helfen, innere Ruhe zu finden und die Schönheit im Moment zu schätzen.
Im Abend verweilen,
Ryokan Taigu (1758–1831)
auf einem Kissen aus Gras –
fernab von Zuhaus.
Haiku kennen keine Hypermoral, keine Hektik, sondern punkten mit Wahrhaftigkeit und Ruhe. Aber Haiku sind nicht nur Kirschblütenromantik – es gibt viele Seiten zu entdecken.
Was macht das Haiku so besonders?
Haiku berühren uns, weil sie Platz lassen und sich nicht wichtig nehmen. Sie füllen die Seiten nicht mit langen Erklärungen, sondern öffnen Räume für eigene Gedanken und Empfindungen.
Vor den Blütengesichtern
Matsuo Bashō (1644–1694)
duckt er sich scheu –
der Frühlingsmond.
Es ist der Raum zwischen den Wörtern, der das Haiku lebendig macht. Es erzählt nicht alles. Stattdessen schenkt es dir ein Bruchstück, ein Fragment eines Bildes, das du selbst vervollständigen kannst.
Haiku erleben
Wann hast du zuletzt innegehalten und die Schönheit eines Moments gespürt? Ein Haiku beginnt genau so – mit Fühlen, Sehen, Hören. Es ist wie ein flüchtiger Gedanke, ein Moment, der zeigt, dass das Leben aus Augenblicken gemacht ist.
Das ehrwürdige Fest –
Kobayashi Issa
ganz in Rot bricht sie auf,
die Libelle!
Haiku eignen sich perfekt für Social Media: Sie sind kurz und trotzdem in sich abgeschlossen. Es gibt sie zu vielen Themen. Man kann sie als Grußbotschaften verwenden oder Geschenke damit verschönern.

Das Haiku – ein zeitloser Begleiter
Schönheit, Vergänglichkeit und Einfachheit des Lebens zu spüren, ohne sie immer gleich bewerten, messen und vergleichen zu müssen – das ist das Wesen des Haiku. Menschen und ihre Taten werden nicht beurteilt. Sie sind, was sie sind.
Im Haiku gibt es weder moralische Bevormundung noch Anbiederung an den Zeitgeist. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem klassischen japanischen Haiku, doch auch in unserer Zeit werden die Dreizeiler geschrieben. Haiku aus Deutschland findest du unter anderem auf Haiku Heute oder bei der Deutschen Haiku Gesellschaft.
Werkstattbericht
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