
Der Hund im klassischen Haiku ist kein treuer Begleiter, kein Held. Er schläft. Er döst. Er liegt im Weg. Manchmal bellt er kurz, dann ist wieder Ruhe. Die alten Dichter beobachteten ihn ohne Sentiment – ein Tier unter vielen, Teil der Szene.
In Japan hatte der Hund nie den Stellenwert, den er heute in Europa genießt. Er war Wachhund, Straßenbewohner, Randgestalt. Gerade deshalb taucht er in Haiku oft überraschend auf: ein schlafendes Bündel auf dem Fährboot, ein Streuner im Spätherbstregen, ein alter Hund mit einer Libelle auf dem Kopf.
Zehn Haiku, zehn Hunde. Die meisten stammen von Issa. Alle zeigen dasselbe: einen Moment, in dem der Hund einfach da ist.
Hitzeflimmern über dem Gras,
Natsume Sōseki (1867–1916)
alle Viere von sich gestreckt –
ein Hundetraum.
Ein Straßenhund
Kobayashi Issa (1763–1828)
erhofft ein Almosen –
Spätherbstregen fällt.
An der Tür
Yosa Buson (1716–1784)
dreht sich ohrenfällig ein Hund –
Winterrückzug.
Jäh verstummt –
Kobayashi Issa
das Bellen des Hundes,
Lotusblume!
Ein bellender Hund, dann plötzlich Stille. Was hat ihn verstummen lassen? Die Lotusblume, Symbol der Reinheit im Buddhismus, steht ungerührt da. Vielleicht hat der Hund etwas gesehen, das wir nicht sehen.
Kusamochi –
Kobayashi Issa
eine Hand streichelt den Hund,
die andere isst.
Kusamochi sind weiche Reiskuchen mit Beifuß, grün gefärbt, süß gefüllt. Ein Frühlingssnack. Die Szene zeigt alltägliches Glück: essen und dabei den Hund streicheln, beides gleichzeitig, beides gut.
Frühlingswind –
Kobayashi Issa
ein Hund döst hingestreckt
auf dem Fährboot.
Der alte Hund –
Kobayashi Issa
auf seinem Kopf thront
eine Libelle!
Buschkleefeld!
Matsuo Bashō (1644–1694)
Gib ihm Obdach für die Nacht,
dem Hund aus den Bergen.
Buschklee (hagi) blüht im Herbst, violett und zart. Bashō spricht das Feld direkt an, bittet um Zuflucht für einen streunenden Hund. Ein seltener Moment der Fürsorge in seinem Werk.
Ein weiteres Paar Augen –
Kobayashi Issa
ein Hund reiht sich ein
zur Mondbetrachtung!
Tsukimi, die Mondbetrachtung, ist in Japan ein stilles Ritual. Man sitzt, schaut, schweigt. Dass ein Hund sich dazugesellt, ist für Issa kein Witz – eher eine Selbstverständlichkeit. Auch er darf schauen.
Ein Topf aus Ton,
Kobayashi Issa
ein Hund aus Ton –
wie friedlich das ist.
Zehn Hunde, zehn Augenblicke. Keiner holt Stöckchen. Keiner wedelt begeistert. Sie sind einfach da – und das reicht.
Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


