
Katzen tauchen in Issas Versen auf wie selbstverständlich. Sie schlafen auf Fächern, wetzen Krallen an Winterdecken, verschwinden in Moskitonetzen. Sie sind keine Symbole, keine Metaphern – sie sind einfach da. Und genau das macht sie so gegenwärtig.
Issa beobachtete das Kleine, das Übersehene. Die Katze, die sich unter dem Vordach wäscht. Den Streuner, der nachts auf Brautschau geht. Das Tier, das beim Jahresendfest selbstverständlich Platz nimmt, als gehöre es zur Familie. In diesen Haiku steckt kein Urteil, keine Moral – nur Zuneigung und ein leises Schmunzeln.
Zwanzig Haiku, zwanzig Szenen mit Samtpfoten. Manche spielen im Sommer, andere im tiefsten Winter. Alle zeigen Issas Blick: liebevoll, genau, nie sentimental.
Eine nach der anderen
Kobayashi Issa (1763–1828)
kehren die Katzen heim –
die Nacht ist kühl.
Mrrrrr… mrrrrr –
Kobayashi Issa
die Katze schläft eingekringelt
auf einem Fächer.

Auch die Streunerkatze
Kobayashi Issa
wählt als Herberge …
die Buschkleeblüten.
Buschklee (hagi) blüht im Herbst mit zarten violetten Blüten. Die Pflanze wächst niedrig und dicht – ein gutes Versteck für eine Katze, die kein Zuhause hat.
Die Katze wäscht sich –
Kobayashi Issa
plitsch platsch im Fluss,
Frühlingsregen.
Auch der Streuner
Kobayashi Issa
geht auf Brautschau
in der Nacht.
Hitzeflimmern –
Kobayashi Issa
die Katze murmelt etwas
im Schlaf.
Der Liebe wegen –
Kobayashi Issa
meine Katze ist nun
des Nachbarn Tier.

Schlafen, aufwachen –
Kobayashi Issa
ein großes Gähnen –
Kätzchen geht Liebemachen.
Von meiner Katze
Kobayashi Issa
sagt man, sie stehle Herzen –
ein Skandal!
Die Nachtigall –
Kobayashi Issa
unter einem Eimer
miaut die Katze.
Ein gutes Versteck –
Kobayashi Issa
trotzdem bekommt die Katze
ihr Wärmepflaster.
Am zweiten Tag des zweiten Monats war es Brauch, kleine Moxibustion-Pflaster aufzusetzen – brennender Beifuß auf der Haut, zur Stärkung der Gesundheit. In Issas Haiku bekommt sogar die Katze diese Behandlung, ob sie will oder nicht.
Mit dem Rußbesen –
Kobayashi Issa
spielend rollt sich die Katze
und amüsiert sich.
In fröhlicher Runde –
Kobayashi Issa
auch die Katze nimmt Platz
beim Jahresendfest.
Toshiwasure, das Jahresendfest: Man trifft sich mit Freunden und Familie, trinkt, isst, lässt das alte Jahr hinter sich. Dass die Katze selbstverständlich dabei sitzt, sagt viel über Issas Blick auf Tiere – sie gehören dazu, ohne Frage.

Erste!
Kobayashi Issa
Die Katze wetzt ihre Krallen
an der Winterdecke.
Im ersten Traum –
Kobayashi Issa
vielleicht sieht auch die Katze
den Fuji.
Der erste Traum des neuen Jahres (hatsu yume) gilt in Japan als Omen. Wer vom Fuji träumt, dem steht Glück bevor. Issa fragt sich, ob nicht auch die Katze so träumen könnte – halb ernst, halb Spiel.
Rote Pflaumenblüten –
Kobayashi Issa
auf der Veranda
trocknet die gewaschene Katze.
Katsushika –
Kobayashi Issa
die Katze sucht Zuflucht
im Moskitonetz.
Katsushika liegt im Osten des heutigen Tokio, nahe am Fluss. Im Sommer summt es dort vor Mücken. Wer kann es der Katze verdenken, dass sie ins Netz flüchtet?
Auf dem Lacktablett
Kobayashi Issa
hat die Katze geschlafen –
ein Sommerzimmer.
Die Katze auf dem Zaun,
Kobayashi Issa
der Eimer unterm Vordach,
frisches Frühlingslaub.
Im Bergtempel –
Kobayashi Issa
des Gründers Segen
für das Treiben der Katzen.
Bergtempel galten als Orte der Stille und Meditation. Dass dort Katzen lautstark auf Brautschau gehen, ist ein Widerspruch – den Issa mit leisem Humor auflöst. Der Tempelgründer, so die Pointe, hätte wohl nichts dagegen.

Zwanzig Katzen, zwanzig Augenblicke. Issa schrieb tatsächlich mehr Haiku über Frösche – aber die Katze passt besser zu ihm. Sie ist eigen, unberechenbar, zärtlich auf ihre Art. Genau wie seine Verse.
Über Kobayashi Issa
Kobayashi Issa (1763–1828) gehört zu den bedeutendsten Haiku-Dichtern Japans. Sein Pseudonym bedeutet »eine Tasse Tee« – Ausdruck der Bescheidenheit, die sein Werk durchzieht. Er schrieb nicht über Erhabenes, sondern über das Naheliegende: Fliegen, Schnecken, Sperlinge, Katzen. Die kleinen Wesen, die andere übersehen. Mehr über sein Leben: Kobayashi Issa – großer Haikudichter kleiner Dinge
Werkstattbericht
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