
Herbstlaub … so schön es auch ist, so schnell geht es ins Kitschige. Die Lyrik ist nicht gefeit, im Gegenteil. Wehmütig darf er aber schon werden.
Allzu viel romantisieren, davor sollte man sich hüten, denn auch der Herbst ist eben nur der Herbst, nichts weiter. Aber voller Wunder. Die Farben der Bäume, der Blätter, die Veränderung, die wir mit allen Sinnen wahrnehmen können; man muss nur schauen, riechen, spüren und hören.
Die Blätter fallen, wir stehen staunend da, sehen und hören dem Rascheln zu. Vielleicht liegt darin schon das ganze Glück. Unbedingt in einem Wald oder an einem baumgesäumten Fluss erleben. Die sind nie weit entfernt. Ach, aus dem Fenster schaut es sich auch schön.
Rote Bergblätter –
Kobayashi Issa (1763–1828)
die Abendsonne kehrt
in den Himmel zurück.
Gestern Kirschblüten,
Yosa Buson (1716–1784)
morgen Ahornlaub,
heute der Mond.
Irgendetwas fehlt –
Taneda Santōka (1882–1940)
Herbstlaub
fällt.
Die Schritte der Verabredung
Yosa Buson
verklingen in der Ferne –
Herbstlaub fällt.
Ihre Rückseiten zeigen sie,
Ryokan Taigu (1758–1831)
dann ihre Vorderseiten –
fallende Ahornblätter.
Die typisch roten Ahornblätter heißen im Japanischen momiji, viele herbstliche Haiku haben sie zum Gegenstand.
Der junge Hirsch –
Kobayashi Issa
als Kissen benutzt er
rote Herbstblätter!
In den Bergen –
Tagami Kikusha (1753–1826)
auf meinem Strohhut nur das
Geräusch der fallenden Blätter.
Beneidenswert –
Kagami Shikō (1665–1731)
wenn sie schön sind, fallen sie,
die Ahornblätter.
Ein kurzer, fast ironischer Gedanke: Die Blätter leuchten in ihrem schönsten Rot – und genau dann müssen sie gehen. Vielleicht ein Bild für das Leben selbst.
so schwach geworden –
Taneda Santōka
sogar das Treten auf Laub
wird zu viel
Erschöpfung in wenigen Worten. Selbst das leichte Rascheln unter den Füßen wird zur Last. Hier spricht nicht nur der Herbst, sondern auch die Müdigkeit der Seele.
die Tiefe des Himmels –
Taneda Santōka
abgesunkenes Laub
im Wasser
Obwohl ich fege,
Tan Taigi (1709–1771)
ist es am Ende nur Fels –
die Blätter fallen trotzdem.
Im Halblicht
Murakami Kijō (1865–1938)
zeichnen sich Ahornblätter
auf dem Shoji ab.
Frostmond –
Masaoka Shiki (1867–1902)
auf dem Pfad verrotten
rote Ahornblätter
Es ist, wie es ist; und der Herbst ist, was es immer war. Bunt und Feucht. Such dir ein Haiku aus. Eines, das du behältst, mitnimmst – für den Moment, an dem es passt.

Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


