12 Haiku aus dem Badehaus – Dampf, Wasser, Stille

12 Haiku aus dem Badehaus – Dampf, Wasser, Stille

Das Bad war in Japan nie nur Reinigung. Es war Ritual, Rückzug, Gesellschaft. In den Sentos der Städte und den Onsen der Berge trafen sich Nachbarn, Wanderer, Fremde – nackt, gleich, still. Der Dampf stieg auf, das Wasser schwappte, und für einen Moment war die Welt draußen weit weg.

Für die wandernden Dichter waren die heißen Quellen Stationen der Erholung. Bashō kannte sie, Issa liebte sie, Santōka, etwas später, suchte sie auf jeder Reise. Nach Stunden auf staubigen Pfaden das Eintauchen ins heiße Wasser – das war mehr als Wohltat. Es war Ankunft.

Zwölf Haiku über das Baden. Manche dampfen, manche tropfen, eines zittert vor Kälte. Alle zeigen denselben Moment: den Körper im Wasser, den Geist irgendwo anders.

Badedampf steigt auf –
in der mondhellen Nacht
wird es Frühling.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Das Morgenbad quillt über,
die Stille …
vollauf versunken.

Taneda Santōka (1882–1940)

Morgendliches Bad –
das Wasser schwappt über,
ich mittendrin.

Taneda Santōka
Haiku aus dem Badehaus

Heißes Bad in den Bergen –
das Wasser schwappt schwer,
der Tag ist lang.

Kobayashi Issa

Die Sommerberge
hinauf, hinab –
sieben heiße Quellen!

Masaoka Shiki (1867–1902)

Shiki war oft krank und suchte Linderung in den Onsen. Die Vorstellung, beim Wandern durch die Berge immer wieder auf heiße Quellen zu stoßen – das muss ihm wie ein Versprechen vorgekommen sein.

Heißer Badedampf –
flauschigweich wie
flatternde Falter.

Kobayashi Issa

Beim Verlassen des Bades –
wie oft geht der Blick zurück
in die Dampfschwaden?

Matsuo Bashō (1644–1694)

Hinter dem Morgenblumenzaun
nimmt jemand ein Bad –
Sommerfrische!

Masaoka Shiki

Morgenblumen, asagao, sind Prachtwinden – sie blühen früh und welken schnell. Ein Zaun voller dieser Blüten, dahinter das Plätschern eines Bades: ein Bild wie aus einer alten Kindheitserinnerung.

Noch mehr Badehaiku? In meinem Buch Haiku für jeden Tag gibt es ein ganzes Kapitel über das Baden.

Eisbaden –
um meinen Hals herum
zittert der Mond im Wasser.

Kobayashi Issa

Einsame Hütte –
nach dem Bad
die Zikade in der Kiefer.

Kobayashi Issa

Der Waschzuber leckt –
ebenso rinnt der
Frühling dahin.

Yosa Buson (1716–1784)
Haiku aus dem Badehaus

Zwölf Haiku, zwölf Momente im Wasser. Das Bad als Ort der Stille, der Begegnung, des Übergangs. Man steigt hinein, man steigt heraus – dazwischen liegt eine kleine Ewigkeit.

Über Onsen und Sento

Ein Onsen ist eine natürliche heiße Quelle, oft in den Bergen, oft am Waldrand. Das mineralhaltige Wasser gilt als heilsam. Ein Sento ist ein öffentliches Badehaus in der Stadt – schlichter, alltäglicher, aber ebenso rituell. In beiden badet man nackt, Männer und Frauen getrennt. Man wäscht sich vor dem Einsteigen, dann sitzt man still im heißen Wasser. Mehr dazu: Onsen & Sento in Japan

Werkstattbericht

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