
Der Fuji ist immer da. Man sieht ihn oder nicht – je nach Wetter, Jahreszeit, Laune des Himmels. Aber er ist da. Vielleicht ist das der Grund, warum die Haiku-Dichter ihn so oft beschwören: nicht als Sehenswürdigkeit, sondern als stille Gewissheit am Horizont.
Manchmal erscheint er plötzlich, wenn der Herbsthimmel aufklart. Manchmal bleibt er verborgen im Niesel – und auch das ist ein Gedicht wert. Er spiegelt sich im Kübelwasser, er lockt die Schnecke, er begleitet den ersten Tabak eines Zwanzigjährigen. Der Berg ist Maßstab und Mitspieler zugleich. Ohne den Fuji konnte Japan nicht sein.
Bei uns wird der Berg auch Fujiyama genannt, wobei „yama“ nichts anderes als Berg bedeutet. Wer ihn Fujisan nennt, erweist ihm die Ehre, die einem Weisen gebührt – denn das Suffix -san steht hier nicht für den Berg allein, sondern ist eine Verbeugung vor seiner Erhabenheit.
Übrigens ist der Fuji kein gewöhnliches Massiv; er ist ein Stratovulkan, dessen nahezu perfekte Symmetrie wie eine geometrische Antwort auf die Unordnung der Welt wirkt. Mit seinen 3.776 Metern ist er der höchste Punkt Japans, ein einsamer Wächter, der keine Nachbarn neben sich duldet.
Seit der Hōei-Eruption im Jahr 1707 schweigt er, doch die Geologen wissen: Er schläft nur. Damals regnete seine Asche bis in die Straßen des fernen Edo, dem heutigen Tokio, und verdunkelte die Tage. Der Fuji ist ein heiliger Ort, einer der Drei Heiligen Berge Japans (neben Tateyama und Hakusan). Er ist kein Ziel für Bergsteiger, sondern für Pilger.
Im ersten Traum –
Kobayashi Issa (1763–1828)
vielleicht sieht auch die Katze
den Fuji.
Der erste Traum des neuen Jahres – Hatsuyume – gilt in Japan als bedeutsam. Vom Fuji zu träumen bringt Glück. Issa fragt sich, ob auch seine Katze dieses Glück teilt.
Fuji am Morgen –
Kobayashi Issa (1763–1828)
der Neujahrssake wartet
an meinen Lippen.
Die Libelle –
Kobayashi Issa (1763–1828)
entschlossen starrt sie hinauf
zum Berg Fuji.
Schnecke,
Kobayashi Issa (1763–1828)
gemach gemach erklimme
den Berg Fuji.
Herbstmond –
Masaoka Shiki (1867–1902)
dem Fuji zugewandt
ein einzelner Vogel.
Plötzlich baut er sich auf
Uejima Onitsura (1661–1738)
im klaren Herbsthimmel –
der Berg Fuji.
Herbstniesel,
Matsuo Bashō (1644–1694)
kein Fuji heute –
wie erfreulich.
Typisch Bashō: Der Berg ist nicht zu sehen – und gerade das macht den Tag besonders. Befreiung vom Erhabenen.
Die Ehrlichkeit der Welt –
Masaoka Shiki (1867–1902)
herbstlicher Nieselregen
auf dem Berg Fuji.
Das japanische Wort Makoto lässt sich nicht eindeutig übersetzen – es umfasst Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit. Shiki lässt offen, ob der Regen auf dem Fuji eine existenzielle Wahrheit offenbart oder nur nass macht.
Ayu geschöpft –
Masaoka Shiki (1867–1902)
im Kübelwasser spiegelt sich
der Berg Fuji.
Ayu ist ein in Japan beliebter Süßwasserfisch. Der erhabene Berg, eingefangen in einem Eimer beim Fischfang.
Gerade zwanzig …
Ihara Saikaku (1642–1693)
Rauch steigt auf vom Fuji
und vom ersten Tabak.
Der Fuji ist nicht nur ein Berg, er ist ein Vulkan, das schwingt hier mit. Tabak kam um 1570 durch die Portugiesen nach Japan. Geraucht wurde in Kiseru – kleine Metallpfeifen mit winzigem Kopf. Rauchen als Teil der Erwachsenwerdung, damals wie heute.
Eine Reise durch Teeblüten –
Masaoka Shiki (1867–1902)
und plötzlich,
der Fuji zur Linken!
Hidari-Fuji, der »linke Fuji«: An einer bestimmten Stelle der alten Tōkaidō-Straße erscheint der Berg, der sonst immer rechts liegt, plötzlich auf der linken Seite. Ein seltener Moment, den Reisende seit Jahrhunderten bemerken.
Seit 2013 gehört der Fuji zum UNESCO-Weltkulturerbe – bezeichnenderweise nicht als Naturerbe, sondern als Kulturerbe, weil er die Seele einer Nation, ihre Literatur und ihre Ästhetik mehr geprägt hat als jeder Kaiser.
Wer ihn im Sommer besteigt, wandert durch Lavagestein und Wolkenmeere. Wer ihn aus der Ferne betrachtet, sieht in seiner schneeweißen Kappe die Vergänglichkeit und die Ewigkeit zugleich. Er ist die Achse, um die sich Japan dreht: ein schlafendes Feuer, gehüllt in vollkommene Ruhe.
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