
Was könnte der Sternenhimmel anderes sein als pure Magie? Das empfanden auch die alten Dichter schon so. Aber um wie viel prächtiger muss damals der nächtliche Himmel gewesen sein – so ganz ohne Lichtverschmutzung und allseitige Beleuchtung? Diese Verse führen dich genau dahin zurück.
In Japan galten Sterne lange als weniger poetisch als der Mond. Zu fern, zu klein, zu stumm. Und doch: Wer genau hinsieht, findet sie überall in der klassischen Dichtung. Als Begleiter der Schlaflosigkeit. Als Zeugen der Einsamkeit. Als letzte Lichter vor dem Morgen.
Elf Haiku, elf Blicke nach oben. Manche geschrieben in Winternächten, andere im Spätsommer, wenn die Zikaden verstummen und der Himmel aufklart. Alle verbindet dasselbe Staunen – und dieselbe Stille danach.
Die Sterne haben
Ozaki Kōyō (1868–1903)
ihre Herbstaugen
bereits geöffnet.
»Herbstaugen« – ein Bild, das es im Deutschen nicht gibt. Im Japanischen schwingt mit: Die Sterne im Herbst leuchten klarer, schärfer, wacher als im feuchten Sommer. Sie schauen zurück.
Bequem hingestreckt.
Kobayashi Issa (1763–1828)
Faul und zufrieden
die Sterne begrüßen!
Der Schnee schmilzt,
Kobayashi Issa (1763–1828)
und das Antlitz der Sterne
scheint glücklich.
Ein einziger Stern
Natsume Sōseki (1867–1916)
lässt mich wach liegen in der
frostigen Nacht, ach.
Abendzikaden –
Kobayashi Issa (1763–1828)
da und da!
Die Sterne erscheinen.
Higurashi, die Abendzikaden, singen in der Dämmerung. Ihr Ruf klingt melancholisch, fast klagend – ein Sommerlaut, der den Herbst ankündigt. Wenn sie verstummen, ist es dunkel genug für die ersten Sterne.
Heute Morgen,
Taneda Santōka (1882–1940)
wieder ein guter Tag –
ein Stern bleibt sichtbar.
Frostmond –
Masaoka Shiki (1867–1902)
über einem kahlen Baum
ein einzelner Stern.
Frostmond, shimozuki, ist der elfte Monat des alten japanischen Kalenders – etwa unser November. Die Bäume sind kahl, die Nächte lang und kalt. Ein einzelner Stern über den Ästen: genug.
Wenn das Licht erlischt,
Natsume Sōseki (1867–1916)
treten die kalten Sterne
durch das Fenster ein.
In brachen Reisfeldern
Ozaki Hōsai (1885–1926)
spiegeln sich Sterne –
die Wärme der Nacht.
Nach der Ernte liegen die Reisfelder brach, gefüllt mit Regenwasser. In stillen Nächten werden sie zu Spiegeln. Wer an ihnen vorbeigeht, sieht den Himmel doppelt – einmal oben, einmal unten.
Auf kalter Strohmatte
Kobayashi Issa (1763–1828)
zwei Tücher ausgebreitet –
eine Frau empfängt die Sterne.
Mondsternnacht –
Botanka Shōhaku (1443–1527)
des Himmels Weite
und Größe.

Es ist, wie es ist; und die Sterne sind, was sie immer waren. Viele und funkelnd. Such dir ein Haiku aus. Eines, das du behältst, mitnimmst – für den Moment, an dem es passt.
Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


