
Man muss kein angehender Parfümeur sein, um in Düften schwelgen zu wollen. Haiku können sinnlich sein, Gerüche gehören ganz selbstverständlich dazu. Häufig sind es Blüten, was naheliegt.
Das alte Japan mag ganz anders gerochen haben, als wir es uns heute vorstellen können, vor allem in den Städten. Dennoch kommen uns die Haiku auch hier vertraut vor. Vieles ist nämlich immer noch wie damals. Die Welt hat sich gar nicht so geändert. Pflaumenblüten sind immer noch Pflaumenblüten, was immer zwischendurch geschehen sein mag.
Auf dem Marktplatz,
Nozawa Bonchō (1640–1714)
der Duft von allem –
Sommermond.
Nicht zu fassen –
Masaoka Shiki (1867–1902)
der Duft des Frühlings
im bunten Gewand.
Flimmernde Hitze –
Takakuwa Rankō (1726–1798)
mit jedem Schlag der Hacke
duftet die Erde.
Der Duft von Pflaumenblüten –
Matsuo Bashō (1644–1694)
plötzlich leuchtet die Sonne
über dem Bergpfad.
Melonenduft –
Kaya Shirao (1738–1791)
ein Fuchs steckt seine Nase
in die Mondnacht!
Melonen wurden im Sommer auf Feldern angebaut und reiften im Freien. Ihr süßlicher Duft zog nachts Tiere an – Dachse, Tanuki, Füchse. Das Bild eines Fuchses, der seine Nase in den mondbeschienenen Melonenduft steckt, verbindet das Ländliche mit dem Magischen.
Meine Heimat –
Taneda Santōka (1882–1940)
wenn die Blüten der Mandarine
ihren Duft verströmen.
Pflaumenblüte –
Yosa Buson (1716–1784)
faltige Hände halten
ihren zarten Duft.
Der Duft der Dunkelheit,
Yokoi Yayu (1702–1783)
pflückt man ihn, ist er weiß –
Pflaumenblüten.
Der Duft der Pflaume
Yosa Buson (1716–1784)
steigt empor –
bis in des Mondes Hof.
Pflaumenduft –
Kobayashi Issa (1763–1828)
ich schiebe die Tür beiseite,
Mondnacht!
Der Duft des Frühlingstees –
Kobayashi Issa (1763–1828)
und die Mittagsmüdigkeit
ist verflogen.
Shincha ist der erste Tee des Jahres. Die Pflanze Camellia sinensis treibt nicht jedes Jahr neu aus, sondern hat ganzjährig Laub und ruht nur im Winter. Sobald es wärmer wird, beginnt sie wieder zu wachsen – und die ersten zarten Triebe gelten als die beste Ernte des Jahres.
Auf der Suruga-Straße –
Matsuo Bashō (1644–1694)
selbst die Orangenblüten
duften nach Tee.
Suruga war ein historisches Teeanbaugebiet, bekannt für seine duftenden Felder. Bashō schrieb dieses Haiku im Sommer 1694 beim Betreten der Provinz.
Pflaumenblüten duften (extern) stärker als Kirschblüten. Das ist in der japanischen Lyrik tief verankert – der Pflaumenduft steht für das Unsichtbare, Tiefe und Frühere, der Kirschblütenfall für das Flüchtige, Sichtbare, Endende. Falls du Kirschblüten vermisst haben solltest – das war die Erklärung.

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