Ōshima Ryōta (1718-1787) – Erneuer des Haiku

Ōshima Ryōta dichtet (KI Bild)

Stell dir vor, du bist im alten Japan unterwegs, irgendwo zwischen Edo (dem heutigen Tokio) und den Bergregionen Shinanos. Es riecht nach feuchter Erde, die Kiefern stehen im Wind, und du hörst das Plätschern des Mairegens …

So beginnt etwas, das heute als Haiku bekannt ist – und Ōshima Ryōta war einer der Männer, die dieser Form im 18. Jahrhundert neues Leben eingehaucht haben. Einer, der gegen den Strom dichtete. Mit Leidenschaft, mit Humor – und mit einem Blick für das Wesentliche.

Wer war dieser Ryōta?

Geboren wurde er 1718 in Ina-Ōshima, einem kleinen Ort in der Provinz Shinano. Schon als Kind zog er mit seiner Familie nach Edo. Dort arbeitete er zunächst als Schneider für das Shōgunat – aber der Stoff, der ihn wirklich bewegte, war nicht Seide, sondern Sprache.

Ryōta wurde Schüler einer angesehenen Haiku-Schule. Doch er wollte mehr. 1742 machte er sich auf eine Reise entlang des Pfades seines großen Vorbilds Matsuo Bashō, um das Haiku dort zu suchen, wo es einst gewachsen war: draußen, im echten Leben. In den Bergen. In der Landschaft Japans.

Der Eisvogel –
als ob der Wind nach ihm duftete,
so kam es mir vor.

Ōshima Ryōta (1718–1787)

Ein Dichter des Einfachen – und des Mutigen

Ōshima Ryōta war nicht nur ein Dichter, er war ein Erneuerer. Als er die Leitung seiner Schule übernahm, krempelte er sie um. Er forderte Klarheit statt Künstlichkeit, Natur statt Verspieltheit. Und er hatte Erfolg: Über 2.000 Schüler folgten ihm, darunter Samurai, Fürsten, Künstler.

Seine Haiku? Schlicht in der Sprache, aber voller Tiefe – Natur, Licht und Leben in ihrer flüchtigsten Form.

Kein Wort fällt –
der Gast, sein Gastgeber
und die weiße Chrysantheme.

Ōshima Ryōta (1718–1787)
Ōshima Ryōta KI Portrait

Oben: Zeitreisefoto von Ōshima Ryōta nach einer zeitgenössischen Zeichnung – von KI in ein Foto interpretiert.

Kein Freund des Literaturbetriebs

Ōshima Ryōta hatte kein Interesse an höfischer Etikette oder modischer Dichtung. Er kritisierte offen die gängigen Haiku-Trends seiner Zeit und forderte eine Rückkehr zum ursprünglichen Geist von Bashō. Seine Botschaft lautete: »Zurück zum Kern! Zurück zu Bashō!«

Er schrieb Bücher, kommentierte alte Verse, hielt Reden und errichtete sogar Gedenksteine. Wer ihn kannte, wusste: Hier schreibt einer, der nicht gefallen will – sondern wachrütteln.

Sommerschwund –
ich taste nach meinen Knochen
beim Wachwerden.

Ōshima Ryōta (1718–1787)

Jahrzehnte später kritisierte ihn sogar Masaoka Shiki, der große Erneuerer des modernen Haiku. Ryōtas Dichtung sei zu volkstümlich, hieß es, zu wenig kunstvoll. Vielleicht war das sogar ein Kompliment.

Warum man ihn nicht vergessen sollte

Heute kennt man vor allem Bashō, Issa und Buson. Ōshima Ryōta hingegen ist vielen unbekannt – und das ist schade. Denn seine Verse atmen. Sie sind offen, lebendig, und sie zeigen, dass Haiku keine elitäre Kunst ist, sondern eine Form, die jeder verstehen kann.

So ist die Welt –
drei Tage nicht hingesehen,
Kirschblüten!

Ōshima Ryōta (1718–1787)

Dieses Haiku gehört in Japan zu den bekanntesten überhaupt – fast wie ein Sprichwort. Es beschreibt, wie sich die Welt im Nu verändert: Man schaut nur drei Tage nicht hin, und schon stehen die Kirschbäume in voller Blüte. Dahinter steckt mehr als Naturbeobachtung – es ist ein Bild für die Flüchtigkeit alles Lebendigen, für das Staunen darüber, wie schnell sich Dinge wandeln, ohne dass wir es bemerken.

Wie ein Traum,
auch die Wirklichkeit ist weiß –
Nachblüte.

Ōshima Ryōta (1718–1787)

Quellen

Die gesicherten biografischen Informationen zu Ōshima Ryōta (大島蓼太) stammen größtenteils aus japanischen Primär- und Sekundärquellen, da es im deutschsprachigen Raum nur wenige verlässliche Angaben gibt. Es gibt einen vergleichsweise ausführlichen Wikipedia-Eintrag. Quellen: National Diet Library Japan (NDL), Kotobank.jp, ADEAC / Stadtarchiv Koshigaya.

Übersetzerhinweis

Wie ich übersetze
Die Übersetzungen stammen von Lenny Löwenstern. Jede Zeile wurde sorgsam bearbeitet – nicht automatisch, sondern mit viel Sprachgefühl und modernen Werkzeugen. Ziel war, das Wesen der japanischen Originale zu bewahren – in einer Weise, die heute berührt.

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