
Seegurkengedichte – wer käme außerhalb Japans auf so eine Idee? Ein schleimiges, unscheinbares Meerestier, ohne erkennbare Form, ohne Stimme, ohne Ausdruck – und doch Gegenstand poetischer Betrachtung seit Jahrhunderten.
In der japanischen Dichtung ist die Seegurke (海鼠, namako) kein Kuriosum, sondern ein Prüfstein für genaues Hinsehen. Während westliche Poesie lange Schönheit, Erhabenheit oder Dramatik suchte, erkannte das Haiku die Würde des Gewöhnlichen. Selbst das formlose, fast lächerliche Lebewesen im Sand verdient Aufmerksamkeit.
In diesen Versen wird die Seegurke zur Metapher für das pure Sein. Nicht Symbol, nicht Allegorie – nur Präsenz. Ein kleines, kühles Tier, das durch Wasser und Winter treibt.
Von Kopf bis Schwanz
Mukai Kyorai (1651–1704)
so mutlos und weich –
die Seegurke.
Über sieben Meere
Kawahigashi Hekigotō (1873–1937)
angeschwemmt –
die Seegurke!
Inmitten von Sand
Kawahigashi Hekigotō (1873–1937)
ist die Seegurke erstarrt –
diese Winzigkeit!
Weder Dämon,
Kobayashi Issa (1763–1828)
noch Bodhisattva –
Seegurke!

Seegurken essen –
Hattori Ransetsu (1654–1707)
ist das unrein,
ihr Mönche?
Ein augenzwinkernder Seitenhieb auf klösterliche Speisevorschriften. In der Edo-Zeit waren buddhistische Mönche teils vegetarisch, teils pragmatisch – Fisch galt nicht immer als Fleisch. Ransetsu spielt mit der Unsicherheit: Ist die Seegurke Fisch, Pflanze oder bloß Schleim? Die Seegurke hat weder Flossen noch Schuppen, gehört zoologisch nicht einmal zu den Fischen, sondern zu den Stachelhäutern.
Glitschige Seegurke –
Tan Taigi (1709–1771)
ein Gesicht,
das seine Form vergessen hat.
Treibende Seegurke –
Kobayashi Issa (1763–1828)
Buddhas Lehre breitet sich aus,
so ist es!
Issa kommentiert hier das Zeitalter der Heuchelei und religiösen Mode. Im späten Edo-Japan galt der Buddhismus vielerorts als gesellschaftlich etabliert, aber geistlich leer. Das Haiku ist gleichzeitig Satire und Gleichnis: Die Seegurke verbreitet nichts, sie treibt nur. So auch viele, die vom Dharma reden.

Warum nur
Natsume Sōseki (1867–1916)
so verlegen,
liebe Seegurke?
Sōseki sieht sie frisch vor sich, vielleicht auf einem Teller im Restaurant oder auf dem Markt. Er wendet einen fast psychoanalytischen Blick auf ein Tier an – weich, glitschig, in sich zusammengesunken.
Von Anbeginn
Natsume Sōseki (1867–1916)
ohne Blutvergießen –
die Seegurke!
Die Seegurke, formlos, friedlich, ohne Blut, ist das Gegenteil des Menschen – besonders des japanischen Menschen seiner Zeit, gefangen zwischen Disziplin, Pflicht und Militarismus.
Wären sie Menschen,
Kobayashi Issa (1763–1828)
sie hätten Buddha-Natur –
Seegurken!
Issa bringt hier seine typische Mitfühlphilosophie auf den Punkt. Er sieht im Niedrigsten, Formlosesten das gleiche göttliche Potenzial wie im Menschen. Im Grunde sagt er: Sie wären bessere Menschen als wir – friedlich, genügsam, ohne Eitelkeit.
In dieser geschäftigen Welt,
Masaoka Shiki (1867–1902)
wie klug lebt da
die Seegurke!
Eine kluge Lebensweise: Sie mischt sich nicht ein, gerät nicht in Konflikte, bleibt sich treu. In einer Welt voller Lärm und Geschäftigkeit erscheint ihr Dasein fast vorbildlich.
Nichtstun –
Masaoka Shiki (1867–1902)
die Seegurke lebt
18.000 Jahre.
Das Chaos
Masaoka Shiki (1867–1902)
einstweilig benannt –
Seegurke!
Shiki betrachtet die Seegurke nicht mehr als Naturding, sondern als Metapher für das Ungeformte selbst. Ihr form- und gesichtsloser Körper erinnert ihn an das mythische Hundun (渾沌), den urzeitlichen Chaosgott aus dem Zhuangzi, der keine Öffnungen hatte – ein Wesen ohne Augen, Mund oder Nase. Shiki sagt scherzhaft-ehrfürchtig: Wenn ich das Ungeformte dieser Welt benennen müsste, ich würde es »Seegurke« nennen.

Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


