16 Haiku über Tod und Trauer – Abschiedsverse der alten japanischen Meister

NeuHaiku-Sammlung

16 Haiku über Tod und Trauer

Abschiedsverse der alten japanischen Meister

16 Haiku über Tod und Trauer – Abschiedsverse der alten japanischen Meister

Wer trauert, dem fehlen die Worte. Das ist kein Versagen, das ist der Zustand selbst. Lange Reden helfen dann nicht, Trostsprüche schon gar nicht. Was hilft, ist manchmal ein einziges Bild: ein Blatt, das fällt. Ein leerer Platz auf den Knien. Eine Hand, die im Nebel winkt.

Die japanischen Dichter der Edozeit haben dem Tod nicht ausgewichen. Viele schrieben kurz vor dem Sterben ein letztes Gedicht, andere fanden Worte für den Verlust ihrer Kinder, Eltern, Freunde – sogar ihres Hundes. Diese Haiku trösten nicht mit Versprechen. Sie sagen nur, was ist. Und gerade darin liegt ihr Trost.

Todesgedichte – der letzte Vers

In Japan gab es eine Tradition, die uns fremd ist: das Jisei, das Abschiedsgedicht vor dem Tod. Mönche, Samurai und Dichter verfassten es auf dem Sterbebett oder ließen es aufschreiben, wenn die eigene Hand nicht mehr wollte. Kein Testament, keine Bilanz – ein letzter Blick auf die Welt.

Krank auf der Reise –
Träume streifen
über karge Felder.

tabi ni yande / yume wa kareno o / kakemeguru

Matsuo Bashō1644–1694

Wenige Tage vor seinem Tod im Herbst 1694 diktierte Bashō diese Zeilen in Osaka, schwer krank, unterwegs wie fast sein ganzes Leben. Selbst im Sterben ist er noch auf Wanderschaft – nur dass jetzt die Träume gehen, nicht mehr die Füße. Wie sehr das Reisen sein Leben bestimmte, erzählt der Beitrag über Leben und Werk von Matsuo Bashō.

Ein Blatt fällt,
dann fällt ein weiteres –
nur vom Wind bewegt.

Hitoha chiri totsu hito-ha chiru kaze no ue

Hattori Ransetsu1654–1707

Ransetsu, einer von Bashōs engsten Schülern, schrieb diesen Vers als Abschied. Ein Blatt fällt – ein Mensch stirbt. Aber noch während es fällt, löst sich das nächste. Kein Drama, keine Klage. Nur der Wind, der alles trägt.

Am Bootsrand ziehe ich
die Schuhe aus –
Mond auf dem Wasser.

Funabata ya kutsu nugisiitsuni mizu no tsuki

Matsuoka Seira1740–1791

Dieses Haiku steht auf Seiras Grabstein. Die Schuhe ausziehen, bevor man ins Boot steigt – eine Alltagsgeste, die hier zum Übergang wird. Man lässt das Irdische am Ufer zurück. Vor einem liegt nur noch der Mond, der auf dem Wasser schwimmt und doch nicht zu greifen ist.

Fest der Seelen –
gestern noch Gastgeber,
heute selber Gast.

tamamatsuri / kinō wa aruji / kyō wa kyaku

Sofu

Beim Obon-Fest im Sommer kehren in Japan die Seelen der Verstorbenen für ein paar Tage zu ihren Familien zurück. Man stellt Speisen hin, entzündet Lichter, empfängt die Ahnen wie Besucher. Sofu, ein sonst fast unbekannter Dichter, hat genau das noch getan – und ist nun selbst einer, der empfangen wird. Ein Rollenwechsel in drei Zeilen, ohne einen Hauch Selbstmitleid.

Mein letzter Weg –
wohin er auch führt,
nur Wolken aus Blüten.

終に行く 道はいづくぞ 花の雲

Ichihara Tayo-jo1776–1865

Auch das ein Todesgedicht, und vielleicht das hellste von allen. Die Dichterin weiß nicht, wohin der letzte Weg führt. Es kümmert sie nicht. Wohin sie auch geht, es blüht.

Wenn ein Kind stirbt

Tautropfenwelt –
ich erkenne sie,
und doch …

tsuyu no yo wa tokushin nagara sari nagara

Kobayashi Issa1763–1828

Issa hat alle seine Kinder überlebt. Die Welt als Tautropfen – das ist ein buddhistisches Bild: Alles verdunstet, nichts hat Bestand. Issa kennt die Lehre, er versteht sie sogar. Und doch. In diesen zwei Wörtern steckt alles, was der Kopf weiß und das Herz nicht annehmen will. Wie oft der Tau in der japanischen Dichtung für das Vergängliche steht, zeigen die Tautropfen-Haiku.

Meine Kinder im Herzen,
ich verneige mich vor ihnen –
die Nacht ist kalt.

子どもらを心でおがむ夜寒哉

Kobayashi Issa1763–1828

1819 hatte Issa bereits zwei Kinder verloren. Er verneigt sich vor ihnen, wie man sich vor dem Hausaltar verneigt, nur dass der Altar jetzt in ihm selbst steht. Und draußen ist es kalt. Mehr sagt er nicht. Mehr muss er nicht sagen.

Dieser Herbst –
kein Kind mehr auf den Knien
beim Mondschauen.

kono aki wa hiza ni ko no nai tsukimi kana

Uejima Onitsura1661–1738

Die Mondbetrachtung im Herbst ist in Japan ein Familienfest. Man sitzt draußen, isst Reisklößchen, schaut gemeinsam nach oben. Letztes Jahr saß noch ein Kind auf seinem Schoß. Dieses Jahr ist der Mond derselbe, die Knie sind leer. Onitsura braucht kein einziges Wort über Trauer.

Libellen fangen …
wie weit er heute wohl
gegangen ist?

蜻蛉釣り今日はどこまで行ったやら

Chiyo-jo1703–1775

Eines der bekanntesten Haiku Japans. Die Überlieferung sagt, Chiyo-jo habe es nach dem Tod ihres kleinen Sohnes geschrieben – ob es wirklich von ihr stammt, ist umstritten. Es spielt keine Rolle. Eine Mutter stellt sich vor, ihr Junge jagt noch immer Libellen, irgendwo, immer weiter weg. Sie fragt nicht, ob er zurückkommt. Sie fragt nur, wie weit er heute gekommen ist.

Eltern, Freunde und was fehlt

Meine verstorbene Mutter –
jedes Mal, wenn ich das Meer sehe,
jedes Mal …

亡母や海見る度に見る度に

Kobayashi Issa1763–1828

Issas Mutter starb, als er noch ein Kleinkind war. Er kann sich kaum an sie erinnern, und doch ist sie da, jedes Mal. Warum gerade das Meer? Vielleicht wegen der Weite, die man nicht überblicken kann. Issa erklärt es nicht. Er wiederholt nur: jedes Mal.

Löwenzahn fällt –
unaufhörlich denke ich an
den Tod meiner Mutter

母の第四十九回忌

Taneda Santōka1882–1940

Santōka verlor seine Mutter, als er neun Jahre alt war. Dieses Haiku schrieb er zu ihrem 49. Gedenktag, da war er selbst ein alter Mann. Fast ein halbes Jahrhundert – und die Gedanken kommen immer noch, unaufhörlich, wie die Samen des Löwenzahns, die der Wind davonträgt.

nichts blieb
außer der Totentafel –
ich verneige mich

kore dake nokotte iru oihai o ogamu

Taneda Santōka1882–1940

Die Totentafel (ihai) ist ein schmales Täfelchen aus lackiertem Holz, auf dem der buddhistische Name eines Verstorbenen steht. Sie hat ihren Platz im Hausaltar. Santōka hatte kein Haus mehr, keinen Besitz, keine Familie – nur dieses Stück Holz. Er soll die Tafel seiner Mutter auf seinen Wanderungen bei sich getragen haben. Seine Haiku über die letzten Dinge versammelt das Kapitel »Letzte Wege« in Harsche Haiku von Taneda Santōka.

Morgenleeres Haus –
im Spiegel erblicke ich
das Gesicht meines Vaters.

kesa akiya miiru kagamini oyano kao

Murakami Kijō1865–1938

Jeder, der einen Vater verloren hat, kennt diesen Moment. Man schaut in den Spiegel, und da ist er. Die Stirn, der Mund, die Art, wie man den Kopf neigt. Das Haus ist leer, aber ganz weg ist er nicht.

Sargnägel einschlagen –
ihr Echo hallt nach
in der Kälte der Nacht

入棺の 釘の響きや 夜ぞ寒き

Masaoka Shiki1867–1902

Das härteste Haiku dieser Sammlung. Kein Bild, das tröstet, keine Natur, die mildert. Nur das Hämmern und danach die Stille. Shiki, der selbst früh an Tuberkulose starb, schaut nicht weg.

der Hund ist tot –
ich schaue in die Hütte
die Kälte bleibt

亡き犬に 犬小屋覗く 寒さ哉

Masaoka Shiki1867–1902

Auch das ist Trauer, und wer je ein Tier verloren hat, weiß es. Man schaut nach, obwohl man weiß, dass niemand da ist. Aus Gewohnheit, aus Hoffnung, aus einem Reflex, der stärker ist als der Verstand.

Leb wohl, Leb wohl –
die winkende Hand
verblasst im Nebel.

さらばさらばの手にかかる霞かな

Kobayashi Issa1763–1828

Ein Abschied am Weg, im Frühlingsdunst. Vielleicht nur ein Freund, der weiterreist. Vielleicht mehr. Die Hand winkt noch, aber man sieht sie immer schlechter, bis nur noch der Nebel bleibt.

Nicht jedes dieser Haiku passt auf eine Trauerkarte. Shikis Sargnägel gehören in ein stilles Zimmer, nicht in einen Briefumschlag. Aber Ransetsus fallendes Blatt, Seiras Mond auf dem Wasser, Tayo-jos Wolken aus Blüten oder Issas winkende Hand – die kann man jemandem schreiben, dem die Worte fehlen. Wer das Vergehen lieber in seinen leiseren Farben sucht, findet es in den Haiku über Herbstlaub.

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