Tautropfen – 10 Haiku über die vergängliche Welt

tautropfen japan 1

Tau ist das Bild für alles Vergängliche. Er erscheint im Morgengrauen, glänzt kurz in der Sonne und ist verschwunden, bevor der Tag richtig beginnt. Die japanischen Dichter wussten das – und sie wussten auch, dass man trotzdem staunen kann. Vielleicht gerade deshalb.

»Tsuyu no yo« – die Tautropfenwelt – ist ein alter Ausdruck für die Flüchtigkeit des Lebens. Alles, was wir haben, ist geliehen. Aber in diesem Wissen liegt kein Verzweifeln, sondern eine seltsame Freiheit: Wenn nichts bleibt, darf man sich an allem freuen.

Wie schön!
Ein Grund zur Freude –
nur Tautropfen.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Das »nur« am Ende ist typisch Issa: Es klingt fast entschuldigend, als müsste er rechtfertigen, warum er sich über so wenig freut. Aber genau darin liegt die Pointe – Tautropfen sind genug.

Ein Schatz vor meiner Tür –
Juwelen aus
Tau.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Vom Tau benetzt
in der Sänfte erwacht –
vor meinem eigenen Tor.

Tan Taigi (1709–1771)

Man ist unterwegs gewesen, ist eingeschlafen, und wacht auf – nass vom Tau und schon zu Hause. Ein kleiner Moment der Verwirrung zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Reise und Ankunft.

Vom Morgentau
satt und überfressen –
die Libelle!

Kobayashi Issa (1763–1828)

Tau hat sich gesammelt –
glücklich taucht auf
ein Frosch!

Kobayashi Issa (1763–1828)

Tautropfenwelt –
ich erkenne sie,
und doch …

Kobayashi Issa (1763–1828)

Eines der berühmtesten Haiku Issas, geschrieben nach dem Tod seiner kleinen Tochter Sato. Der buddhistische Gedanke, dass alles vergänglich ist wie Tau, tröstet nicht wirklich – auch wenn man ihn versteht. Das »und doch« bleibt offen, unaufgelöst, menschlich.

Die Welt, eine Spur
zu schön – Tautropfen
scheinen wie Juwelen.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Eine Spur zu schön – als wäre das ein Problem. Issa misstraut dem Glück nicht, aber er weiß, dass es nicht bleibt. Die Schönheit der Tautropfen ist fast zu viel, fast verdächtig.

Ordentlich futtern und schlafen,
so ist die Welt –
Herbsttau.

Kobayashi Issa (1763–1828)

In einer Welt aus Tau
den Tau besingen –
Sommerzikade.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Die Zikade lebt nur wenige Wochen als ausgewachsenes Tier – und singt trotzdem, als gäbe es kein Morgen. Issa sieht in ihr ein Bild für den Dichter selbst: In einer vergänglichen Welt das Vergängliche besingen.

Vergänglichkeit als Poesie? Haiku für jeden Tag hat ein ganzes Kapitel, das genau um diese Welt, wie sie ist, kreist.

Weißer Herbsttau –
ohne Unterschied
benetzt er die Welt.

Nishiyama Sōin (1605–1682)

Sōin war der Begründer der Danrin-Schule, die das Haiku volkstümlicher und humorvoller machte. Hier aber ein stilles Bild: Der Tau fällt auf alles gleich – ohne zu urteilen, ohne zu unterscheiden. Ein buddhistischer Gedanke in drei Zeilen.

Kurze Nacht –
auf der Raupe
eine Perle aus Tau.

Yosa Buson (1716–1784)

Die kurze Sommernacht ist fast vorbei, und auf einer Raupe liegt ein einzelner Tautropfen wie ein Schmuckstück. Buson war auch Maler – man bemerkt es an der Präzision des Bildes.

Tau fällt –
als hinge das Seelenheil davon ab
zwitschert der Spatz.

Kobayashi Issa (1763–1828)

»Goshō daiji« – als ginge es um das Jenseits, um alles. Der Spatz zwitschert mit vollem Ernst, als würde sein Leben davon abhängen. Issa lacht nicht über ihn. Er erkennt sich wieder.

tautropfen japan 2

bluetenschmetterlinge

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