Der Kranich in 10 Originalhaiku

Der Kranich im Haiku

Der Kranich (tsuru) steht für tausend Jahre Leben. Wenn ein Kranich im Haiku erscheint, dehnt sich der Text, wird durchlässig für Dauer und Kontinuität – ein Leben jenseits der Fragilität gewöhnlicher Tiere. Er ist Glücksvogel und Neujahrs-Kigo zugleich: Neubeginn, gemessene Würde und gutes Omen.

Anders als Spatzen oder Krähen bewegt sich der Kranich in klarer, weiter Luft. Selbst im Stand wirkt er wie ein Schriftzeichen, das jemand in die Landschaft gesetzt hat. Das führt zu Bildern gehobener Perspektive: dünne Winterluft, Weite über Feldern, ein eleganter Strich am Horizont. Kraniche sind stille Zeugen großer Räume – sie machen sichtbar, wie viel Platz die Welt hat.

Haiku-Dichter schätzten auch seinen Schrei, der weit trägt und eine Landschaft zugleich öffnet und leert. Kranichpaare wiederum stehen für Beständigkeit – oder für schmale, verletzliche Verbundenheit in der saisonalen Leere.

Frühling beginnt –
sanft setzt der Kranich
seinen ersten Schritt.

Kuroyanagi Shōha (1727–1771)

Herbsthimmel –
gestern ließ man sie ziehen,
die Kraniche.

Yosa Buson (1716–1784)

Abendschauer –
aufrecht steht
der Feldkranich.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der große Kranich
schreitet mit Bedacht –
Veilchen!

Kobayashi Issa (1763–1828)

Issa hatte Humor. Das Haiku lebt von der plötzlichen Gegenüberstellung – der große, imposante Kranich und das kleine, unscheinbare Veilchen.

Wenn dich solche Tier-Miniaturen ansprechen: Haiku, die uns glücklich machen hat ein eigenes Kapitel über das Leben zwischen Flügeln und Pfoten.

Der Kranich im Haiku

Das Reisfeld bearbeiten –
so weit wie der Kranich
im Rufflug zieht.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der große Kranich
bewegt sich kein bisschen –
langer Frühlingstag.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Weiße Pflaumenblüten –
gestern wurde der
Kranich gestohlen.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Sonnenfrühling –
und wahrlich, des Kranichs
Schreiten!

Takarai Kikaku (1661–1707)

Die Federn des Kranichs,
ein schwarzes Gewand –
Kirschblütenwolken.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Mit dem schwarzen Kleid oder Gewand dürfte eine Mönchsrobe gemeint sein.

Im Mairegen
sind des Kranichs
Beine kürzer geworden.

Matsuo Bashō (1644–1694)
Der Kranich im Haiku

Werkstattbericht

bluetenschmetterlinge

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