Letzter Pinselstrich am von Lenny Löwenstern – Drei Zeilen, ein Augenblick
Stell dir vor, du bist im alten Japan unterwegs, irgendwo zwischen Edo (dem heutigen Tokio) und den Bergregionen Shinanos. Es riecht nach feuchter Erde, die Kiefern stehen im Wind, und du hörst das Plätschern des Mairegens …
So beginnt etwas, das heute als Haiku bekannt ist – und Ōshima Ryōta war einer der Männer, die dieser Form im 18. Jahrhundert neues Leben eingehaucht haben. Einer, der gegen den Strom dichtete. Mit Leidenschaft, mit Humor – und mit einem Blick für das Wesentliche.
Letzter Pinselstrich am von Lenny Löwenstern – Drei Zeilen, ein Augenblick
Oben: KI Porträt von Kyorai nach einer Zeichnung von Yokoi Kinkoku (1761–1832)
Es ist eine stille Ecke im Westen von Kyōto. Dort, wo sich die Bambushaine von Sagano in den Hang schmiegen und das Licht durch das Blattwerk flimmert, steht eine unscheinbare Hütte. Ihre Mauern sind aus Lehm, das Dach gedeckt mit Stroh. Vor der Tür – ein Kakibaum, dessen Früchte im Herbst in leuchtendem Orange reifen. Sie fallen, wie der Name der Hütte sagt, zu Boden.
Letzter Pinselstrich am von Lenny Löwenstern – Drei Zeilen, ein Augenblick
Im Japan der Edo-Zeit gab es Orte, die wie eine zweite Welt wirkten. Es waren abgeschlossene Viertel, in denen Kunst, Lust, Mode und Geschäft ineinanderflossen. In Edo war es das berühmte Yoshiwara, in Kyoto das traditionsreiche Shimabara, in Osaka Shinmachi. Selbst viele Provinzstädte hatten eigene, kleinere yūkaku, die lizenzierten Vergnügungsviertel.
Wer diese Welt betrat, ließ das Alltagsleben hinter sich. Hinter den hohen Mauern und Toren lag ein Ort mit eigenen Gesetzen. Bei Nacht leuchteten Reihen von Öllampen, Laternen spiegelten sich im nassen Pflaster, Musik und Gelächter mischten sich mit dem Duft von Räucherwerk, frisch gekämmtem Haar und warmem Sake. Schon am Eingang hatte man das Gefühl, eine Bühne zu betreten. Und die Frauen, die darin auftraten, waren die Hauptdarstellerinnen.
Dichter kamen hierher, um zu trinken, zu reden, zu schreiben. Manche lebten zeitweise in diesen Vierteln, unterrichteten Haiku, verliebten sich. Was sie sahen, wurde Poesie – manchmal leicht, manchmal bitter, immer genau beobachtet.
Letzter Pinselstrich am von Lenny Löwenstern – Drei Zeilen, ein Augenblick
So könnte er ausgesehen haben … Bonchōs Züge sind nicht überliefert. Es gibt keine Portraits oder Zeichnungen des Dichters, auf denen sein Äußeres erkennbar wäre.
Matsuo Bashō ist heute der bekannteste Name der klassischen Haikudichtung. Doch um ihn herum entstand ein Kreis von Dichtern, die seine Ideen mittrugen, kommentierten – und zum Teil auf ihre Weise erweiterten. Einer der markantesten unter ihnen war Nozawa Bonchō. Kein folgsamer Schüler, sondern ein selbstbewusster Mitgestalter. Seine Dichtung steht für eine klare, unprätentiöse Form der Beobachtung, die auch heute noch überzeugt.
Letzter Pinselstrich am von Lenny Löwenstern – Drei Zeilen, ein Augenblick
So hätte sie aussehen können – die Frau, die eine rote Feder hielt. Einige Verse sind erhalten. Ihr Gesicht nicht. Doch dieser Ausdruck kommt ihr vielleicht nahe: wach, diszipliniert, aber nicht gebändigt.
Die rote Feder: Poesie einer unbeirrbaren Frau
In einer Zeit, in der das Dichten den Männern gehörte und die Regeln festgezurrt waren, schrieb sie sich mit roter Feder in die Literaturgeschichte: Hakō (羽紅) war eine der wenigen namentlich bekannten Dichterinnen der Edo-Zeit. Ihr Name – ein Bild aus »Feder« (羽) und »Karmesinrot« (紅) – war nicht nur ein Pseudonym. Er war Programm.