
Kobayashi Issa schrieb in seinem Leben über 20.000 Haiku. Seine Texte sind humorvoll, persönlich, bodenständig. Er zeigt die Schönheit des Alltags, die Nähe zu einfachen Menschen, zu Armut und kleinen Freuden.
Hier sind zwanzig Haiku über Neujahr und den Jahreswechsel. Das japanische Neujahr lag nach dem alten Kalender zwischen Ende Januar und Mitte Februar – es galt bereits als Frühlingsbeginn. Das merkt man in manchen Versen.
Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa (1763–1828)
ein kleiner Pilger
am Tor.
Neujahrstag –
Kobayashi Issa
in der Sonne badet
mein schäbiges Haus.
Mittag schon –
Kobayashi Issa
und das neue Jahr beginnt
in meiner Hütte.
Weite Felder –
Kobayashi Issa
mein Spaziergang ins neue Jahr
folgt den Stocklöchern.
Die Löcher stammen von Spaziergängern und ihren Stöcken – im gefrorenen Winterboden bleiben sie lange sichtbar.
Der steinerne Löwe –
Kobayashi Issa
trimmt mit seinem Kiefer
den Kadomatsu.
Kadomatsu ist ein traditioneller Neujahrsschmuck aus Pinienzweigen, der vor Türen aufgestellt wird.
Mein Schatten –
Kobayashi Issa
ebenfalls gesund –
Glückwünsche!
Meine Hütte –
Kobayashi Issa
so schäbig wie immer –
Neujahrsgrüße!
Meine bescheidene Hütte –
Kobayashi Issa
am Morgen kommen sie,
fordern Neujahrsgaben.
Die Besucher sind vermutlich Kinder, die trotz der Ärmlichkeit der Hütte süße Gaben fordern – ein Brauch ähnlich wie Halloween.
Dem Kätzchen geliehen –
Kobayashi Issa
es spielt mit dem Temari,
Neujahrsglück.
Temari ist ein traditioneller japanischer Handball aus bunten Fäden, der zu Neujahr verschenkt wird.
Neujahrsmahlzeit –
Kobayashi Issa
die Katze gewinnt
und lacht mich aus.
Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa
wieder ein Kind zu sein,
das wünschte ich mir.

Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa
müssig dahingestreckt,
die grauen Wolken.
Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa
ist selbst Edo
nur ein Dorf.
Edo war die historische Bezeichnung für Tokio. Am Neujahrstag kommt selbst die Großstadt zur Ruhe.
Zarter Schnee –
Kobayashi Issa
Neujahrsfreude überall
in den Herzen.
Mein Spaziergang –
Kobayashi Issa
in Richtung des Glücks,
Neujahrskirschblüten.
Die »glückliche Richtung« (ehō) wechselt jedes Jahr. Ein Spaziergang in diese Richtung soll Wohlstand bringen.
Schneeschmelze –
Kobayashi Issa
die Spatzen am Tor feiern
den Neujahrstag.
Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa
in tiefer Dunkelheit noch,
regt sich die raunzige Katze.
Am Neujahrstag –
Kobayashi Issa
im Bett liegend betrachte ich sie,
Pflaumenblüten …
Pflaumenblüten erscheinen sehr früh im Jahr, oft als erste Blüten. Sie symbolisieren Stärke und Erneuerung.
Beim Neujahrsfeuer –
Kobayashi Issa
der Mond hat sich gnädig
zum Aufstieg entschlossen.
Fuji am Morgen –
Kobayashi Issa
der Neujahrssake wartet
an meinen Lippen.
Toso ist ein Kräutersake, der traditionell am Neujahrsmorgen getrunken wird – ein Ritual für Gesundheit und langes Leben.
Der Samurai –
Kobayashi Issa
erst eine Entschuldigung,
dann Neujahrsgrüße.
Zwanzig Neujahrshaiku, zwanzig Blicke auf den Jahreswechsel. Issa zeigt: Auch in der ärmlichsten Hütte, auch mit der frechsten Katze, lässt sich das neue Jahr begrüßen.
Über Kobayashi Issa
Kobayashi Issa (1763–1828) zählt zu den »Großen Vier« der japanischen Haiku-Dichtung. Geboren als Sohn einer Bauernfamilie, erlebte er eine entbehrungsreiche Kindheit und ein Leben geprägt von Armut und Verlusten. Sein Blick blieb trotzdem warm, humorvoll, zugewandt. Mehr über sein Leben: Kobayashi Issa – großer Haikudichter kleiner Dinge
Werkstattbericht
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