Die Kiefer ist der stille Zeuge. Während Kirschblüten kommen und gehen, während Schnee fällt und schmilzt, steht sie da – gebeugt vielleicht, aber nicht gebrochen. In der japanischen Dichtung ist sie kein Baum unter anderen. Sie ist Ausdauer, Würde, das Bleibende im Wandel.
Haiku-Dichter haben sie immer wieder aufgesucht: im Mondlicht, im Regen, in der Sommerhitze. Nicht als Dekoration, sondern als Gegenüber. Jemand, der schon vor uns da war und noch da sein wird, wenn wir längst gegangen sind.
Heute Abend ist der Mond
nach Hause zurückgekehrt.
Ein Kiefernwald …Tsuki koyoi matsu ni kaetaru yadori kana
Yosa Buson1716–1784
Der Kiefernwald wird zur Herberge, in die der Mond am Abend heimkehrt. Der Satz bricht ab, die drei Punkte lassen den Wald stehen, dunkel und still.
Der steinerne Löwe –
trimmt mit seinem Kiefer
den Kadomatsu.かま獅子があごではらひぬ門の松
Kobayashi Issa1763–1828
Kadomatsu sind die traditionellen Dekorationen aus Kiefernzweigen und Bambus, die zu Neujahr vor japanischen Häusern und Toren aufgestellt werden. Im Deutschen entsteht ein Wortspiel, das das Original nicht kennt: Der Löwe stutzt den Kiefernschmuck mit seinem Kiefer, der Kinnlade. Steinerne Löwen wachen als Figurenpaar vor Schreinen und Tempeln. Mehr Verse zum Jahreswechsel stehen in den Neujahrshaiku.
Neujahrsmorgen –
die Kiefern schweigen
am östlichen Berg.元日や松静かなる東山
Takakuwa Rankō1726–1798
Der Berg Higashiyama (»östlicher Berg«) liegt im Osten Kyotos und war seit Jahrhunderten Rückzugsort für Gelehrte, Dichter und Mönche. Am ersten Morgen des Jahres ist dort nichts zu hören, nicht einmal der Wind in den Nadeln.
Winterregen –
angespannt wartet die Kiefer
auf den Schnee.shigure o ya / modokashi gari te / matsu no yuki
Matsuo Bashō1644–1694
Shigure, der kalte, immer wieder aussetzende Regen des Frühwinters, gehört zu den Lieblingswörtern von Matsuo Bashō. Sein Todestag wird bis heute Shigure-ki genannt, »Gedenktag des Winterregens«. Die Kiefer hält still wie jemand, der weiß, dass Schlimmeres kommt.
Man sagt, bei der Kiefer
lauere ein Wegelagerer –
blanke Kälte.追剥の出るてふ松の寒さ哉
Masaoka Shiki1867–1902
Mehr braucht es nicht: Die Kälte kommt doppelt, einmal aus der Luft und einmal aus der Geschichte, die man sich über den Baum am Weg erzählt. Wer noch mehr Frost lesen will, findet ihn in den Winterhaiku.
Einsame Hütte –
nach dem Bad
die Zikade in der Kiefer.かくれ家は浴過けり松の蝉
Kobayashi Issa
Großer Regen!
Großer Mond!
Zikade in der Kiefer.大雨や大ナ月や松の蝉
Kobayashi Issa
Im Sommer singt eine Zikade in der Kiefer, einmal in der Stille nach dem Bad, einmal mitten im Unwetter, als hätte sie Regen und Mond selbst bestellt.
Die Kiefer verneigt sich,
jeder einzelne Ast –
Namu Kanzeon.松はみな枝垂れて南無観世音
Taneda Santōka1882–1940
Namu Kanzeon ist ein buddhistischer Gebetsruf an Kannon, die Bodhisattva der Barmherzigkeit. Santōka, der als Zen-Mönch bettelnd durchs Land zog, sieht in der Kiefer einen, der sich verneigt wie er selbst.
Die Kiefern von Takekuma –
zeige mir auch sie,
du späte Kirschblüte.武隈の松みせ申せ遅桜
Kusakabe Kyohakugest. um 1696
Die Kiefern von Takekuma waren ein berühmter Ort in der alten Dichtung. Der Sprecher bittet die späte Kirschblüte, ihm auch diese legendären Bäume zu zeigen – eine Verbindung von Vergänglichem und Beständigem. Kyohaku gab den Vers Bashō mit auf den Weg, als der zu der Reise aufbrach, die er im Oku no Hosomichi beschrieb.
Zum Schluss vier Verse, die sich mehr Zeit lassen. Die Kiefer steht hier nicht im Mittelpunkt, sie verdeckt, rahmt, wirft Schatten oder lässt Licht durch.
Die Kiefer verdeckt es –
ein kleines Stück Meer
wird zwischen den Blüten sichtbar.matsu keshite umi sukoshi miyuru hanano kana
Yosa Buson
Auf dem goldenen Wandschirm,
wie bejahrt die Kiefer wirkt –
im Winterdomizil.kinbyō no matsu no furusa yo fuyu-gomori
Matsuo Bashō
Morgendämmerung –
der Mond dringt durch die Kiefern
in meinen Winterkimono.明がたや袷を通す松の月
Kobayashi Issa
Im Kiefernschatten
löst der Reisende den Gürtel –
wie heiß es ist!松陰に旅人帯とく暑かな
Tan Taigi1709–1771
Buson, der zugleich Maler war, baut ein Bild: Der Baum gibt das Meer nur stückweise frei. Bei Bashō ist die Kiefer selbst gemalt, auf einem goldgrundierten Stellschirm, wie sie die Häuser der Wohlhabenden schmückten. In der Winterklausur sitzt der Dichter davor und sieht, wie alt das Bild geworden ist. Bei Issa kriecht das Mondlicht durch die Nadeln bis in den Stoff, bei Taigi bietet die Kiefer Schatten am Weg, und der Reisende tut, was jeder tun würde: Er lockert den Gürtel und stöhnt.
Dreizehn Kiefern, und keine ist umgefallen. Sie stehen im Mondlicht, im Winterregen, hinter Blüten und am Weg, gebeugt, aber an Ort und Stelle. Such dir eine aus – eine, die du wiedererkennst, wenn du das nächste Mal an einer vorbeigehst.



