Illustration zu 20 Sommerhaiku aus Japan, die nach Hitze und Himmel duften

Haiku-Sammlung

20 Sommerhaiku aus Japan, die nach Hitze und Himmel duften

20 Sommerhaiku aus Japan, die nach Hitze und Himmel duften

Diese typischen Vertreter ihrer Art zeigen, was wir am Haiku so schätzen. Das Sommerhaiku fängt sie alle ein, die Jahrszeiten, denn das ist seine Domäne. Hier läuft die alte japanische Poesie zur Höchstform auf. Knapper und wahrer kann man die warme Jahreszeit nicht in Worte fassen.

Hier sind 20 herausragende Dreizeiler klassischer Haikumeister aus Japan.

So kühl, die Füße
gegen die Wand gedrückt –
Mittagsschlaf!

Hiya hiya to / kabe ni ashi fumite / hirune kana

Matsuo Bashō1644–1694

Die Honigmelone
an ihre Wange gehalten –
Sommerhitze.

hôbeta ni ate nado shitaru makuwa kana

Kobayashi Issa1763–1828

Rapsblüten!
Der Mond im Osten.
Die Sonne im Westen.

nanohana ya / tsuki wa higashi ni / hi wa nishi ni

Yosa Buson1716–1784

Orangenblüte –
wann und aus welchem Feld
ruft der Kuckuck?

tachibana ya itsu no nonaka no hototogisu

Matsuo Bashō

In der traditionellen japanischen Dichtkunst ist der Kuckuck ein saisonales Wort (kigo) für den Sommer. Der Ruf des Kuckucks wird oft mit Melancholie und Einsamkeit in Verbindung gebracht, was das Gefühl der Sommerzeit in der japanischen Kultur widerspiegelt.

Der Kürbis wird fetter,
ich schrumpfe dahin –
brütende Hitze!

Kabocha koe ware wa yaseyuku atsusa kana

Toun1680–1710

Die Sommerberge
hinauf, hinab –
Sieben heiße Quellen!

夏山を上り下りの七湯かな

Masaoka Shiki1867–1902

Hier ist das Onsen, ein Bad auf Basis einer heißen Quelle im Gebirge das Thema. Shiki liebte es.

Melonenduft –
ein Fuchs steckt seine Nase
in die Mondnacht!

Uri no ka ni kitsune no hanaliiru tsuliiyo kana

Kaya Shirao1738–1791

Im Moskitonetz
Glühwürmchen freilassen –
ach, welch Freude!

kayano uchini hotaru hanashite aa rakuya

Yosa Buson

Oder modern ausgedrückt: was für ein Spaß!

Der Bettler –
Himmel und Erde
sein Sommergewand.

kojiki kana tenchi no kitaru natsu goromo

Takarai Kikaku1661–1707

Möglich ist dass sein Sommergewand nicht aus Stoff besteht, sondern einfach die natürliche Umgebung ist. Himmel und Erde selbst sind sein Gewand – er ist eins mit der Natur. Diese Betrachtung hat eine starke buddhistische Note, insbesondere aus der Zen-Tradition: Besitzlosigkeit als Befreiung.

Wer mehr davon will: Haiku für jeden Tag widmet Hitze und Kälte ein eigenes Kapitel.

Ein Schmetterling –
Spuren eines Traums
im Blumenfeld.

chō wa yume no nagori wake iru hana-no kana

Chiyo-jo1703–1775

Chiyo-jo war eine der wenigen berühmten weiblichen Haiku-Dichterinnen des 18. Jahrhunderts.

Mittagsschlaf –
die Hand ruht,
der Fächer fällt.

Hirune shite te no ugokiyamu ucHiwa kana

Tan Taigi1709–1771

Wie blauer Himmel
der Sommerkimono,
den ich trage.

ao-zora no yôna katabira kitari keri

Kobayashi Issa

Den Sommerfluss durchqueren –
was für ein Spaß!
Die Strohsandalen in der Hand.

夏河を越すうれしさよ手に草履

Yosa Buson

Ein Rastplatz
ganz aus Gras gemacht –
Sommermond.

shiba de shita yasumi-dokoro ya natsu no tsuki

Kobayashi Issa

Sommerkühle –
hier ist das Tor
zum Paradies.

suzushisa ya koko gokuraku no hairiguchi

Kobayashi Issa

Im ankernden Boot
ein Nickerchen machen –
Sommerhitze!

suwari taru fune ni neteiru atsusa kana

Yosa Buson

die Zikaden zirpen –
ich bin
allein

かなかなないてひとりである

Taneda Santōka1882–1940

Sommerfrische –
selbst die Instagram-Spots
schauten wir an.

涼しさにうその名所も見て行きぬ

Masaoka Shiki

Das ist eine moderne Adaption, die Shikis ironischen Ton und den Humor aufgreift und in einen aktuellen Kontext setzt. Gemeint sind Attraktionen, die overhyped oder aufgebauscht sind. Instagram-Spot – also ein Ort, der in sozialen Medien sehr präsent ist und dadurch einen Hype erfährt, in der Realität aber oft enttäuschend ist. Ein kleiner Spaß, den ich mir hier geleistet habe …

Ein Glühwürmchen –
es schwebt allein
durchs dunkle Zimmer.

一つすうと座敷を抜る蛍かな

Natsume Sōseki1867–1916

Sommergras –
die Träume der Krieger,
nur Flüstern im Wind.

natsukusa ya tsuwamonodomo ga yume no ato

Matsuo Bashō

Bashō besuchte die Ruinen von Hiraizumi, einst eine prächtige Samurai-Stadt, die in den Kriegen der Vergangenheit zerstört wurde. Statt blühender Burgen und stolzer Krieger sieht er nur Sommergras – das ist alles, was von den hochfliegenden und siegesgewissen Träumen der Krieger geblieben ist. Es ist eines von Bashōs bekanntesten Haiku. Drei ältere Übersetzungen findet man bei Wolfgang Volpers.

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