
Manchmal reicht ein einziges Geräusch, und schon kippt die Welt in eine andere Stimmung. Zikaden können genau das: Sie machen Hitze, Abend, Regen und Einsamkeit hörbar, ohne dass du viel erklärt bekommst. Diese Haiku führen dich Schritt für Schritt von draußen nach innen, vom Himmel bis zum Reiskauf, vom Feldbrunnen bis zu dem Moment, in dem man merkt, was einem fehlt.
Der japanische Sommer hat einen Klang: das Sirren der Zikaden (semi). Es beginnt im Juni und endet irgendwann im September, wenn die letzten Tiere verstummen. Dazwischen liegt ein Klangteppich, der alles überzieht – Tempel, Reisfelder, Hinterhöfe. Man hört ihn so selbstverständlich, dass man ihn fast vergisst. Bis er aufhört.
Für die Haiku-Dichter stand die Zikade für den Sommer selbst, für seine Hitze und seine Kürze. Eine Zikade lebt nur wenige Wochen über der Erde – nachdem sie Jahre im Dunkeln verbracht hat. Vielleicht klingt deshalb ihr Gesang so dringlich.
Abendzikaden –
Kobayashi Issa (1763–1828)
da und da!
die Sterne erscheinen.
Ein Abend, der nicht groß auftritt, sondern langsam aufleuchtet. Der Klang der Zikaden wirkt wie ein Signal – als würden die Sterne nach und nach angehen, ganz unaufgeregt, aber voller Zauber.
Zikaden singen –
Masaoka Shiki (1867–1902)
am Feldbrunnen schnalzt
der Brunneneimer.
Zwei Sinneseindrücke treffen aufeinander: das gleichmäßige Singen und der kurze, ruckartige Klang des Eimers. Eine einfache Szene, aber lebendig – man steht fast selbst am Brunnenrand.
Großer Regen!
Kobayashi Issa (1763–1828)
Großer Mond!
Zikade in der Kiefer.
Die Welt wird kurz riesig, dann wieder klein. Regen und Mond beherrschen alles – und doch hält diese eine Zikade in der Kiefer ruhig dagegen, als wäre sie davon völlig unbeeindruckt.
In einer Welt aus Tau
Kobayashi Issa (1763–1828)
den Tau besingen –
Sommerzikade.
Alles ist vergänglich, und genau das klingt hier mit. Die Zikade singt nicht trotz des Taus, sondern für ihn – als wüsste sie, wie flüchtig dieser Moment ist.
Wunderleicht
Fujimori Sobaku (1758–1821)
löst sich die Zikade
vom Bambus.
Ein winziger Augenblick, kaum sichtbar, aber ganz klar. Das Lösen wirkt befreiend – als würde etwas Überflüssiges einfach abfallen.
Einsame Hütte –
Kobayashi Issa (1763–1828)
nach dem Bad
die Zikade in der Kiefer.
Nach dem Bad ist man ruhig und offen, und draußen geht der Sommer weiter. Die Hütte ist kein Rückzug aus der Welt, sondern ein Ort, an dem man sie wieder richtig wahrnimmt.
Am Fuß der Buddhafigur –
Kobayashi Issa (1763–1828)
Zikadensingen.
Das Heilige und das Alltägliche stehen selbstverständlich nebeneinander. Der Gesang stört nicht – er gehört dazu, als wäre er immer schon Teil dieses Ortes gewesen.
Zikadensirren Zikadensirren –
Taneda Santōka (1882–1940)
endlich gehe ich
Reis einkaufen.
Nach all den Bildern landet man mitten im Alltag. Dieses »endlich« kennt man gut – und trotzdem bleibt das Sirren wie ein Sommerdach über der Szene hängen.
Die Jahre vergehen –
Taneda Santōka (1882–1940)
wie sehr ich die Heimat vermisse,
Zikadengesang.
Der Klang wird zum Auslöser für Erinnerung. Heimat ist kein Ort mehr, sondern ein Gefühl, das plötzlich da ist und nicht mehr verschwindet.
die Zikaden zirpen –
Taneda Santōka (1882–1940)
ich bin allein
Am Ende bleibt nichts als der Gesang und diese schlichte Feststellung. Kein Trost, keine Erklärung – nur Gegenwart.
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