
Während wir heute Outdoor-Abenteuer und Spaß mit einem bunten Herbst assoziieren, stand bei den alten Meistern des Haiku etwas anderes auf dem Programm. Vergänglichkeit, Einsamkeit, das Sterben und der Tod waren ihre Themen.
Eine wichtige Rolle spielte der drohende Winter, die alljährliche Nässe, Abschied und Trauer. Ich mag es – die Melancholie stand mir stets näher als das bunte Abenteuer.
Beneidenswert –
Kagami Shikō (1665–1731)
wenn sie schön sind, fallen sie,
die Ahornblätter.
Die Sterne haben
Ozaki Kōyō (1868–1903)
ihre Herbstaugen
bereits geöffnet.
Der Herbst naht –
Matsuo Bashō (1644–1694)
die Herzen rücken zusammen
im kleinen Zimmer.
Herbstvollmond –
Matsuo Bashō
um den Teich wandernd,
die ganze Nacht.

Ihre Rückseiten zeigen sie,
Ryokan Taigu (1758–1831)
dann ihre Vorderseiten –
fallende Ahornblätter.
Klagt nicht, Wildgänse –
Kobayashi Issa (1763–1828)
überall ist’s dieselbe
vergängliche Welt.
Rote Bergblätter –
Kobayashi Issa
die Abendsonne kehrt
in den Himmel zurück.
Herbstwind –
Kobayashi Issa
die Jahre tragen mich
näher zu Buddha.
Im Halblicht
Murakami Kijō (1865–1938)
zeichnen sich Ahornblätter
auf dem Shoji ab.
Das Rot der Ahornblätter ist draußen leuchtend, aber auf der Shoji-Wand nicht sichtbar – das Papier lässt Formen und Schatten durch, aber keine Farben.
Schlaf, Vogelscheuche!
Yokoi Yayū (1702–1783)
Heute Nacht wacht der Vollmond
über die Felder.

Wie neu geboren,
Natsume Sōseki (1867–1916)
zu meiner großen Freude –
Chrysanthemen im Herbst!
Wenn das Herz
Kobayashi Issa
dem Herbstmond gleicht,
ist licht die Nacht.
Der Grashüpfer klettert
Yosa Buson (1716–1784)
am Kesselhaken empor –
kalte Herbstnacht.
Eine Gestalt,
Taneda Santōka (1882–1940)
die in der Ferne verblasst –
Herbstregen.
Es ist Herbst geworden –
Yokoi Yayū
zwischen den Bäumen
mattes Himmelsblau.
Der Herbstwind schüttelt
Yosa Buson
die Vogelscheuche
und trägt sie davon!
Nach oben blickend,
Yokoi Yayū
sehe ich die fallenden
Blätter von morgen.
Auf dem kahlen Zweig
Matsuo Bashō
sitzt eine Krähe –
Herbstdämmer.
Eines der bekanntesten Haiku Bashōs.
Herbstmond –
Masaoka Shiki (1867–1902)
grübelnd.
Ich bin allein.
Ich gehe,
Masaoka Shiki
du bleibst –
zwei Herbste.

Zwanzig Herbsthaiku, zwanzig Abschiede. Die Blätter fallen, die Krähe sitzt auf dem kahlen Zweig, der Mond steigt auf. Die alten Meister sahen im Herbst nicht das Ende, sondern einen Moment der Klarheit.
Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


