Kaki als Herbstsymbol im klassischen Haiku

Kaki als Herbstsymbol im klassischen japanischen Haiku

In Japan ist die Kaki (柿) weit mehr als nur eine Frucht. Sie ist ein poetisches Manifest, ein Symbol für Herbst, Reife und Vergänglichkeit – und manchmal auch für Einsamkeit. Anders als die vielzitierten Kirschblüten blüht die Kaki spät.

Wenn im Herbst die Blätter längst gefallen sind, hängen die goldorangen Früchte noch an den kahlen Zweigen – ein letzter Gruß der Natur vor dem Winter. Man könnte sagen, was bei uns der Kürbis für den Herbst ist, ist in Japan die Kaki: dieselbe Farbe, dieselbe Jahreszeit – und doch ganz anders im Wesen.

Santōka liebte sie, Shiki konnte nicht genug von ihnen bekommen, und Kyorai lebte gar in der »Hütte der fallenden Kakis«, wie er sein Zuhause nannte.

Getrocknete Kaki –
hinter dem Badehaus,
vor dem Schuppen.

Masaoka Shiki (1867–1902)

Kaki pflücken –
eiskalte Kleinodien
im Herbstwind.

Ryokan Taigu (1758–1831)

Die »eiskalten Kleinodien« bewahren eine Doppeldeutigkeit. Einerseits können damit die glänzenden Kakis gemeint sein, andererseits deutet es auf eine humorvolle, körperliche Interpretation hin – nämlich die Hoden des dichtenden Mönchs, die er bei der Ernte dem harschen Wetter aussetzen musste.

Kaki-Blätter!
Auf jedem einzelnen
der Mondschein.

Natsume Sōseki (1867–1916)

Das junge Laub
des Kakibaums leuchtet –
ich bin noch da.

Taneda Santōka (1882–1940)

Die Süße
der reifen Kaki –
Großmutter steht vor mir.

Taneda Santōka (1882–1940)

Zurückgelassen
zwei drei vollreife Kaki –
Wolken ziehen vorüber.

Taneda Santōka (1882–1940)

Herr der Kakis –
nah sind die Wipfel
des Arashiyama.

Mukai Kyorai (1651–1704)

Dieses Haiku ist ein Selbstporträt in Kyorais typischem lakonischen Ton. Der Vers verbindet persönliche Identität mit der landschaftlichen Umgebung, fast wie ein literarischer Adressstempel. Übrigens: In meinem Buch Haiku für jeden Tag gibt es ein ganzes Kapitel übers Essen.

Vom Mond herab
segelt ein
Kakiblatt.

Taneda Santōka (1882–1940)

Alleinreisen –
eine unreife Kaki gegessen,
wer sieht nun das Gesicht?

Hattori Ransetsu (1654–1707)

In alten Zeiten waren unreife Kakis noch extrem bitter, nur vollreife Früchte waren angenehm und süß. Heute essen wir entbitterte Züchtungen.

Kaki als Herbstsymbol im klassischen japanischen Haiku

Ein Brief kam –
danach fallen nur noch
die Blätter des Kakibaums.

Taneda Santōka (1882–1940)

Eine Kaki
ist heruntergefallen –
plattgedrückt vergeht der Herbst.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Fragt man nach dem Alter –
die Kakis von Saga
sind meine Antwort.

Mukai Kyorai (1651–1704)

Kyorai beantwortet die Frage nach seinem Alter nicht direkt, sondern weist auf die späten Kakis von Saga – Sinnbild des Lebensherbstes. Wie diese Früchte spät im Jahr reifen, so sieht er sich selbst: alt, aber leuchtend und genießbar. Darin liegt Stolz und leise Ironie – gereift, nicht welk.

Kaki im Haiku

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