
Manche Nächte wollen nicht enden. Sie dehnen sich, werden leichter, heller – bis man nicht mehr weiß, ob man noch wacht oder schon träumt. Die alten Haiku-Dichter kannten diese Stunden gut. Sie saßen auf Veranden, an Toren, in Gärten und schauten zu, wie die Dunkelheit sich verwandelte.
Die Nacht in diesen Versen ist keine Zeit der Furcht. Sie ist ein Raum, in dem die Welt weicher wird. Blüten leuchten, Sterne spiegeln sich, und manchmal klopft jemand am Tor – vielleicht ein Gast, vielleicht nur der Wind. Es sind zauberhafte Nächte, weil sie uns erlauben, anders zu sehen.
Weiße Pflaumenblüten –
Yosa Buson (1716–1784)
die Nacht ist so hell,
als sei es schon Morgen.
Nächtliche Kirschblüten –
Kobayashi Issa (1763–1828)
als wenn die Schönheit
vom Himmel stiege.
Yozakura – die nächtliche Kirschblütenschau – ist in Japan ein eigenes Ritual. Wenn die Dunkelheit kommt, werden die blühenden Bäume von Laternen beleuchtet, und die weißen und rosa Blüten scheinen zu schweben.
Ein einziger Stern
Natsume Sōseki (1867–1916)
lässt mich wach liegen in der
frostigen Nacht, ach.
In brachen Reisfeldern
Ozaki Hōsai (1885–1926)
spiegeln sich Sterne –
die Wärme der Nacht.
Glimmendes Feuer –
Morikawa Kyoriku (1656–1715)
in der Tiefe der Nacht
klopft es am Tor.
Ein Traum verblasst
Masaoka Shiki (1867–1902)
in der Frühlingsnacht –
die Tänzerin schweigt.
Shirabyōshi waren Tänzerinnen der Heian- und Kamakura-Zeit, bekannt für ihre weißen Gewänder und ihre Auftritte zu Trommel und Gesang. In Shikis Haiku bricht der Traum ab – vielleicht endet gerade die Vorstellung, vielleicht ist es nur die Erinnerung an eine längst vergangene Kunst.
Die flüchtige Welt –
Kobayashi Issa (1763–1828)
ein kühler Nachthimmel,
die Wolken fliegen.
Nächte in Kyoto –
Kobayashi Issa (1763–1828)
weiße Sommerkimonos,
weiße Hüte.
Katabira sind leichte, ungefütterte Sommerkimonos aus Leinen oder Hanf – die typische Kleidung für heiße Nächte in der alten Hauptstadt.
Weiße Nacht –
Kobayashi Issa (1763–1828)
am Tor ein glücklicher
Schattenbaum.
Weiße Nächte sind die kurzen Sommernächte, in denen es nie wirklich dunkel wird. Warum der Baum »glücklich« ist? Vielleicht, weil die milde Nacht alles lebendig erscheinen lässt. Vielleicht ist es einfach Issas eigene Freude, die er in diesem Moment auf den Baum überträgt.
Am Tor, wo die Veilchen stehen –
Kobayashi Issa (1763–1828)
die Nacht erfüllt mich
mit Sehnsucht.
Am Fuße des Hügels
Yokoi Yayu (1702–1783)
wird die Nacht weiß –
Buchweizenfelder.
Dieses Haiku stammt aus Yayus Reisetagebuch und trägt den Titel »Morgengrauen bei Katsukawa«. Das Weiß ist hier keine Farbe, sondern der Zustand der Welt, wenn sie erwacht – die Buchweizenblüten, der erste Schein des Tages, alles fließt ineinander.

