
Papier reißt. Papier vergilbt. Papier verbrennt in Sekunden. Und doch haben die alten Japaner daraus Kleider gemacht, Wände, Schirme, Drachen. Sie haben ihr Leben hineingefaltet – in ein Material, das jederzeit versagen kann.
In diesen Haiku taucht Papier nicht als Schreibgrund auf, sondern als Stoff des Alltags. Die Shoji-Wand, die Schatten durchlässt, aber keine Farben. Der Kamiko-Mantel, der kaum wärmt, aber trotzdem getragen wird. Die kleinen Puppen am Regenschirm. Es ist immer ein Balanceakt: zwischen Schutz und Zerbrechlichkeit, zwischen Armut und Würde.
Als Tanzhonorar lasse ich
Kobayashi Issa (1763–1828)
ein Stück Papier für sie fliegen –
Wiesenschmetterlinge.
Weiße Papierdrachen
Tan Taigi (1709–1771)
treiben vorüber –
Abenddunst.
Mairegen –
Takarai Kikaku (1661–1707)
am Schirm baumeln
Papierpüppchen.
Den Sommerbergen
Masaoka Shiki (1867–1902)
entstiegen –
die Weite von Mino!
Mino ist eine historische Provinz im heutigen Gifu, bekannt für ihre weiten Ebenen – und ihr Washi-Papier.
Papier hatte in Japan eine völlig andere kulturelle Stellung. Washi war kein Wegwerfmaterial, sondern ein Werkstoff mit fast sakraler Bedeutung. Ein paar Dimensionen, die mir einfallen:
Architektur: Die Shoji-Wände machten Papier zum Bestandteil jedes Hauses. Licht, Schatten, Geräusche – alles wurde durch Papier gefiltert. Das prägt ein anderes Verhältnis zum Material als unser »Zettel beschriften, wegwerfen«.
Kleidung: Die Kamiko-Gewänder tauchen in mehreren deiner Haiku auf. Für uns absurd – Kleidung aus Papier? Aber Washi ist eben kein Druckerpapier. Geknüllt, geölt, behandelt wurde es geschmeidig und überraschend haltbar.
Rüstungen: Du hast recht, es gab tatsächlich Papierrüstungen (紙甲, shikou oder kamiyoroi). Mehrere Lagen Washi wurden verleimt und lackiert. Das Ergebnis war leicht, flexibel und konnte Pfeile und sogar Schwertstöße abwehren – nicht durch Härte, sondern durch die faserige Struktur, die Energie absorbiert. Ähnliches Prinzip wie moderne Kevlar-Westen. Vor allem für Ashigaru (Fußsoldaten) und in Belagerungssituationen verwendet, wo Gewicht eine Rolle spielte.
Religion: Shinto-Schreine verwenden Papierstreifen (Shide) und gefaltete Papierformen. Origami hat religiöse Wurzeln.
Das Material war allgegenwärtig, aber nie trivial. Vielleicht erklärt das auch, warum es in den Haiku so oft als Metapher für Verletzlichkeit und trotzige Würde funktioniert.
Das Papier frisch gespannt –
Taneda Santōka (1882–1940)
dahinter nur ich
allein.
Shoji sind die traditionellen Schiebewände aus Holzrahmen und Papier. Sie werden regelmäßig neu bespannt – ein Ritual, das Reinheit und Neuanfang markiert. Hier steht Santōka in seinem frisch bezogenen Raum. Alles ist sauber, hell, leer. Nur er selbst ist noch da.
Im Halblicht
Murakami Kijō (1865–1938)
zeichnen sich Ahornblätter
auf dem Shoji ab.
Das Rot der Ahornblätter ist draußen leuchtend, aber auf der Shoji-Wand nicht sichtbar. Sie lässt Formen und Schatten durch, aber keine Farben.
Quetschreis essen –
Yosa Buson (1716–1784)
das armselige Papiergewand
mit Flicken geschmückt.
Kamiko waren Gewänder aus behandeltem Washi-Papier – geölt oder lackiert, um sie haltbarer zu machen. Billige Kleidung für arme Leute, Mönche, Wanderarbeiter. Das zerrissene, geflickte Papiergewand steht für Armut und improvisiertes Leben. Gleichzeitig zeigt es die Fähigkeit, selbst in der Not auf pragmatische Weise Würde zu bewahren.
Im Haus des Eigenbrödlers
Yokoi Yayu (1702–1783)
schreit ein Bankert –
Papierfähnchen im Wind.
Herbstnacht –
Kobayashi Issa (1763–1828)
das Loch am Fenster
spielt Flöte.
Issas Fenster ist kein Glasfenster, sondern eine papierbespannte Öffnung mit einem kleinen Riss. Der Herbstwind findet den Spalt und macht Musik daraus.
Sieh mal einer an –
Masaoka Shiki (1867–1902)
im Klofenster
Bambusschatten.
Das Fenster als kleines Papierfensterchen – Milchglas wäre unsere Entsprechung. Kunst findet sich auch an unerwarteten Orten.
Ich hab die Welt
Masaoka Shiki (1867–1902)
noch immer nicht satt –
mein Mantel ist aus Papier.
Der Papier-Mantel als Symbol für die Zerbrechlichkeit des Lebens – dünn, leicht beschädigt, vergänglich. Shiki trägt ihn trotzdem. Wie er das Leben trotz Krankheit und Kürze nicht aufgibt. Washi-Papier ist stabiler als westliches Papier: faserig, lederartig, aus langen Fasern des Papiermaulbeerbaums. Für Kamiko-Kleidung wurde es geknüllt und geölt, so dass es monatelang getragen werden konnte.
Rōnin –
Ihara Saikaku (1642–1693)
sein Papiergewand
zwerchweise geleimt.
Ein ehemaliger Samurai, der bessere Tage gesehen hat. Sein Kamiko ist kreuz und quer mit Reiskleber geflickt. »Zwerchweise« ist ein altes Wort für quer, schräg – es passt zu diesem mehrere Hundert Jahre alten Haiku.
Werkstattbericht
Titelgrafik: DALL-E 3 via Bing. Video: Google Veo 3. Lektorat: Claude Opus.

