
Ostern gibt es im alten Japan nicht. Keine Eier, keine Hasen, keine Auferstehung. Aber es gibt den Frühling – und mit ihm alles, wofür Ostern steht: Neubeginn, erstes Licht, das Erwachen nach langer Dunkelheit. Die Haikudichter kannten diese Momente gut. Sie sahen die ersten Knospen, hörten die Lerche, spürten die Wärme zurückkehren.
Diese originalen Haiku passen zu Ostern, ohne es zu nennen. Sie handeln von dem, was nach dem Winter kommt: Leben, das zurückkehrt. Manchmal zaghaft, manchmal überwältigend. Immer schön.
Neubeginn
Frühling beginnt –
Kuroyanagi Shôha (1727–1771)
sanft setzt der Kranich
seinen ersten Schritt.
Der Kranich wartet nicht auf ein Zeichen. Er spürt, dass es Zeit ist, und setzt den ersten Schritt. So beginnt der Frühling – nicht mit einem Knall, sondern mit einer leisen Bewegung.
Himmel und Erde –
Ihara Saikaku (1642–1693)
was sollte dem Frühling
noch Einhalt gebieten?
Eine rhetorische Frage, die keine Antwort braucht. Der Frühling kommt, egal was war. Nichts kann ihn aufhalten.
Kaum ist der Frühling da,
Matsuo Bashō (1644–1694)
findet sich alles:
der Mond, die Pflaumenblüten.
Bashō stellt fest: Sobald der Frühling beginnt, ist plötzlich alles da. Als hätte die Welt nur auf diesen Moment gewartet.
Erstes Licht
Morgendämmerung –
Kobayashi Issa (1763–1828)
der Himmel hat
sein Kleid zu Blau gewechselt.
Der Himmel zieht sich um, von der Nacht in den Tag. Issa sieht darin einen Kleiderwechsel – als wäre der Himmel selbst am Aufwachen.
Jungen Tee bereiten,
Tan Taigi (1709–1771)
bei Tagesgrauen aufstehen –
Buddhas Geburtstag.
Das Blumenfest (Hana-Matsuri) fällt auf den 8. April – oft nah an Ostern. Auch hier: frühes Aufstehen, ein Ritual, der Beginn von etwas Heiligem.
Himmelwärts
Natsume Sōseki (1867–1916)
stürzt sie –
die Feldlerche.
Die Lerche steigt auf, als gäbe es keine Schwerkraft. Ein Bild für den Aufbruch, für das, was nach oben strebt.
Erwachen
glücklich geboren –
Taneda Santōka (1882–1940)
das Baby öffnet
und ballt die Hand
Neues Leben, ganz am Anfang. Die Hand öffnet und schließt sich – das erste Greifen nach der Welt.
Die Schwalbe im Nest
Kobayashi Issa (1763–1828)
kümmert sich nicht um
die Frühlingsberge.
Die Schwalbe ist zurück, das Nest ist gebaut. Was draußen passiert, interessiert sie nicht – sie hat Wichtigeres zu tun. Leben, das sich um sich selbst kümmert.
Geboren, um zu gaukeln –
Kobayashi Issa (1763–1828)
des Schmetterlings
Beruf!
Der Schmetterling hat nur eine Aufgabe: schön sein und flattern. Issa sagt das ohne Neid – eher mit Bewunderung.
Hoffnung
In diesem Dorf –
Yokoi Yayu (1702–1783)
ein einziger Zweig
der Pflaume blüht.
Ein einziger Zweig genügt. Er trägt den ganzen Frühling in sich, auch wenn das Dorf arm ist und der Winter lang war.
Auf purpurnen Wolken –
Kobayashi Issa (1763–1828)
wann werde ich aufbrechen
zum westlichen Meer?
Das westliche Meer ist im Buddhismus der Ort der Wiedergeburt – das Reine Land. Issa fragt nicht ob, sondern wann. Eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Ein österlicher Gedanke, auch ohne Ostern.


