Leben im alten Japan – Ein Tag in der Welt der Haiku-Dichter

Leben im alten Japan – Ein Tag in der Welt der Haiku-Dichter

Japan, Edo-Zeit. Irgendwann zwischen 1603 und 1868. Ein Mann geht zu Fuß durchs Land. Kein Mönch, kein Samurai, kein Bauer. Ein Dichter. Arm, gebildet, rastlos. Sein Besitz passt in einen Beutel: Pinsel, Tusche, Papier, eine Decke. Er schläft, wo man ihn schlafen lässt – in Tempeln, bei Bauern, unter Bäumen. Er schreibt, was er sieht.

Ergänzt habe ich seine Beobachtungen durch einige originale Haiku. Und war dabei nicht zeittreu – Shiki und Santōka sind aus späterer Zeit, sie fügen sich dennoch ideal ein.

Morgen in einem Dorf

Strohdach, Papierwände, ein Raum. Die Familie schläft noch, aber das Licht sickert schon durch die Ritzen. Draußen kräht ein Hahn. Die Bäuerin steht auf, holt Wasser aus dem Brunnen. Eiskalt. Sie gießt es in eine Schüssel, wäscht sich das Gesicht, setzt Reis auf.

Morgendämmerung –
im Brunneneimer
schwimmt eine Kamelie.

Yamamoto Kakei (1648–1716)

Auf dem Reisfeld

Bauern stehen im Wasser. Knietief. Sie pflanzen Reis – Setzling für Setzling, Rücken gebeugt, Hände im Schlamm. Das Wasser ist trüb, die Beine werden taub. Niemand spricht. Nur das Platschen, das Seufzen, das Knarren der Körper.

Auf dem Rücken
der Reispflanzerin schläft
ein kleiner Falter.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Teeplantage am Hang

Reihen von Teesträuchern, dunkelgrün, dicht an dicht. Frauen pflücken Blätter – nur die obersten, zartesten. Schnelle Finger, geflochtene Körbe auf dem Rücken. Die Sonne brennt. Niemand redet.

Frau Großmutter
trägt ihre Brille …
beim Teepflücken!

Kobayashi Issa (1763–1828)

Am Wegrand

Unter einem Baum. Eine Reiskugel. Daneben hockt ein alter Mann, zieht Rettiche aus der Erde. Graben, reißen, Dreck unter den Nägeln. Manche Wurzeln sind so tief, dass er mit beiden Händen ziehen muss.

Frost unter den Füßen,
wie mühsam das Leben ist –
beim Rettichziehen.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Kaki-Baum im Herbst

Ein alter Kaki-Baum, die Äste voller oranger Früchte. Ein Mann steht auf einer Leiter, pflückt vorsichtig. Die Kakis sind weich, können platzen, wenn man zu fest drückt.

Eine Kaki
ist heruntergefallen –
plattgedrückt vergeht der Herbst.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Heu binden nach der Ernte

Abgeerntetes Feld. Bauern schnüren Heu zu Bündeln. Stroh, trocken, staubig. Sie binden es mit gedrehtem Gras zusammen, stapeln die Bündel auf. Jedes Bündel wird später verfüttert oder als Dach verwendet. Nichts wird verschwendet.

Japan früher - im Haiku

Vogelscheuche im Feld

Mitten im Feld: eine Vogelscheuche. Bambuskreuz, alte Lumpen, ein Strohhut. Der Wind bewegt die Fetzen. Von weitem sieht es aus wie ein Mensch, der wartet.

Einsamkeit der Felder –
nach der Mahd
bleibt die Vogelscheuche.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Bambus fällen

Rhythmisches Klopfen. Ein Mann schlägt mit einer Axt gegen einen Bambusschaft. Der Bambus knarrt, gibt nach, fällt mit einem langen Seufzen. Der Mann beginnt sofort, die Äste abzuschneiden. Schnell, präzise.

Tropfen für Tropfen –
das Geräusch des Regens
am Bambusvorhang.

Masaoka Shiki (1867–1902)

Waldweg

Schmaler Pfad. Holzsandalen klacken auf Steinen. Es riecht nach nassem Moos, nach Pilzen, nach Verfall. Sonnenlicht fällt durch die Äste, wirft Muster auf den Boden.

Hier tief im Wald,
ein Ort der Dämonen?
Tengus Fliegenpilz sprießt.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der Fliegenpilz ist in Japan verknüpft mit dem übernatürlichen Wesen Tengu, einem vogelartigen Dämon der Bergwälder.

Am Fluss

Frauen knien am Ufer, schlagen Kleider gegen Steine. Das Wasser spritzt, die Stoffe werden bleich in der Sonne. Niemand hat Seife. Nur kaltes Wasser, Steine, Geduld.

Die Katze wäscht sich –
plitsch platsch im Fluss,
Frühlingsregen.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Gemüsegarten

Ein kleiner Garten hinter einer Hütte. Auberginen, Kürbisse, Zwiebeln. Eine Frau jätet Unkraut, wirft es auf einen Haufen. Ihre Hände sind rau, die Knie dreckig.

Der Kürbis wird fetter,
ich schrumpfe dahin –
brütende Hitze!

Toun (1680–1710)

Fische trocknen

Salz und Tang in der Luft. Überall hängen Fische an Leinen – klein, aufgeschlitzt, in der Sonne trocknend. Fliegen summen. Eine Frau hängt neue auf, eine nach der anderen.

Sie kennt die Welt nicht
und ist doch klüger –
die Fischhändlerin.

Takarai Kikaku (1661–1707)

Holz sammeln

Herbstwald. Ein alter Mann sammelt abgebrochene Äste, bündelt sie mit einer Schnur. Der Stapel auf seinem Rücken wird größer. Seine Schritte werden langsamer.

Am Holzkohlefeuer –
der Mond ist verschwunden,
eine Krähe ruft.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Abend auf dem Hof

Die Sonne sinkt. Ein Bauer führt den Ochsen zurück in den Stall. Das Tier geht langsam, schwer, erschöpft. Der Mann auch. Im Haus wird Feuer gemacht. Rauch steigt aus dem Dach.

Wenn ich mich umsehe,
kühle Abenddämmerung –
Bergkirschblüten.

Konishi Raizan (1654–1716)

Nacht im Tempel

Ein kleiner Tempel am Waldrand. Der Mönch nickt, zeigt eine Ecke. Kein Bett, nur eine Matte. Draußen wird es dunkel. Der Wind geht durch die Bambusrohre, das Dach tropft.

Mondbetrachtung im
Tempel ohne Tor –
der Himmel ist weit.

Yosa Buson (1716–1784)

Jizō am Wegrand

Eine kleine Steinstatue unter einem Baum. Jizō, der Wegbegleiter. Verwittertes Gesicht, eine rote Mütze auf dem Kopf, ein Lätzchen um den Hals – von jemandem dort gelassen. Vor ihm liegen ein paar Reiskörner, eine verwelkte Blume. Der Dichter bleibt kurz stehen, verbeugt sich leicht. Geht weiter.

Abendregen –
Herr Jizō und ich
klatschnass.

Taneda Santōka (1882–1940)

Reisstroh dreschen

Ein Hof. Männer schlagen Reisgarben gegen einen Holzrahmen. Die Körner fallen heraus, landen auf einer ausgelegten Matte. Staub wirbelt auf, klebt an der Haut.

In den Bergen –
auf meinem Strohhut nur das
Geräusch der fallenden Blätter.

Tagami Kikusha (1753–1826)

Werkstattbericht

Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.

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Übersetzerhinweis

Wie ich übersetze
Die Übersetzungen stammen von Lenny Löwenstern. Jede Zeile wurde sorgsam bearbeitet – nicht automatisch, sondern mit viel Sprachgefühl und modernen Werkzeugen. Ziel war, das Wesen der japanischen Originale zu bewahren – in einer Weise, die heute berührt.
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