
Ein achtjähriger Junge steht im Garten und ruft nach Glühwürmchen. Sie kommen nicht. Stattdessen fliegen sie davon, hinaus in die Sommernacht. Der Junge hält den Moment fest – nicht als Enttäuschung, sondern als Beobachtung. So beginnt das Leben eines Dichters, der später als Westlicher Onitsura neben dem Östlichen Bashō verehrt werden sollte.
Uejima Onitsura war Samurai und Dichter zugleich – zwei Identitäten, die er nie voneinander trennte. Er drohte zweimal mit Seppuku, um seine Ehre zu wahren, bestand aber darauf, erst hundert Verse zu vollenden. Ein Mann zwischen Schwert und Pinsel, der eine Poetik der radikalen Wahrhaftigkeit entwickelte.
Inhaltsverzeichnis
Komm her, komm her,
Uejima Onitsura (1661–1738)
rufe ich – doch die Glühwürmchen
fliegen davon.
Mit acht Jahren verfasst. Keine Metapher, keine gelehrte Anspielung. Nur eine Beobachtung, präzise und ungeschminkt. In diesem frühen Vers lag bereits der Keim dessen, was Onitsura später als seine zentrale Philosophie formulieren sollte.
Geboren im Sakegeruch von Itami
Am 2. Mai 1661 kam Onitsura in Itami zur Welt, einer prosperierenden Kaufmannsstadt in der Provinz Settsu. Sein Vater betrieb eine der führenden Sake-Brauereien der Stadt. Die Familie beanspruchte eine Abstammung vom Fujiwara-Klan – eine ehrenwerte Linie.
Itami war kein gewöhnliches Provinznest. Die wohlhabende Kaufmannsschicht förderte aktiv die Künste, inbesondere das Haiku. In dieser Atmosphäre, irgendwo zwischen Geschäftstüchtigkeit und literarischer Ambition, wuchs Onitsura heran.
Plötzlich baut er sich auf
im klaren Herbsthimmel –
der Berg Fuji.
Das Wort »nyoppori« im Original ist Umgangssprache, fast derb. Es bedeutet »steil hervorragend« – kein poetischer Terminus, sondern ein Wort von der Straße. Und doch fängt der Vers etwas Wesentliches am Fuji ein: diese abrupte, fast unverschämte Weise, wie der Berg sich aus der Landschaft erhebt. Onitsura schrieb ihn am Grab seines Freundes Furusawa Randō, der jung gestorben war und ihn gebeten hatte, den Fuji zu besuchen.
Die Erleuchtung mit fünfundzwanzig
1685 zog Onitsura nach Osaka. In diesem Jahr formulierte er den Grundsatz, der sein gesamtes Schaffen bestimmen sollte: »まことの外に俳諧なし« – Es gibt kein Haiku außerhalb von makoto, außerhalb der Wahrhaftigkeit.
Was bedeutete dieses makoto? Keine Klugheit in der Diktion, keine dekorative Eleganz, schrieb er später in seinem theoretischen Hauptwerk »Hitorigoto«. Ein gutes Gedicht »fließt einfach natürlich, und ist doch tiefgründig«. Während andere Schulen mit Wortwitz brillierten oder klassische Eleganz kultivierten, suchte Onitsura den direkten, ehrlichen Ausdruck in Alltagssprache.
Der Herbstwind
streift für einen Moment
ein Menschengesicht.
Samurai-Ehre und poetischer Eigensinn
Onitsuras Samurai-Karriere verlief nicht geradlinig. 1687 erhielt er seine erste Ernennung in der Miike-Domäne, 1691 folgte Kōriyama, 1694 die Ōno-Domäne. Doch zweimal drohte er mit Seppuku – dem rituellen Selbstmord der Samurai.
Als 1698 eine zugesagte Stellung plötzlich geändert wurde, kündigte er an, er würde Seppuku auf dem Schlossgelände ausführen. Aber dann fügte er hinzu: Zuerst würde er eine Solo-Sequenz von hundert Haiku-Versen vollenden – um zu beweisen, dass er rational und nicht verrückt handelte.
Diese Episode offenbart seine ganze Persönlichkeit. Der Samurai-Ehrenkodex verlangte Seppuku bei Gesichtsverlust. Aber der Dichter in ihm musste zuerst seine poetische Pflicht erfüllen. Beide Male kam es nicht zum Äußersten.
Auf alten Knochen
ein Hauch von Rouge –
Kirschblütenschau!
Die alten Knochen können sowohl Menschen als auch Bäume sein, das Rouge kann sich auf Schminke oder Blüten beziehen. Klassische Haiku-Kunst: eine Beobachtung, die verschiedene Ebenen zulässt, ohne eine Interpretation aufzudrängen.

Verluste und späte Jahre
Das Leben war nicht gnädig zu Onitsura. Seine erste Frau starb, ebenso seine zweite Frau Kuniko. Beide Töchter starben jung. Die Familie, die er sich aufbauen wollte, zerbrach ihm unter den Händen.
Dieser Herbst –
kein Kind mehr auf den Knien
beim Mondschauen.
1720 zog Onitsura sich nach Nishinomiya zurück. Am 15. September 1738 starb er mit siebenundsiebzig Jahren in Osaka.
Der westliche Meister
Die japanische Literaturgeschichte kennt die Formel »東の芭蕉、西の鬼貫« – Östlicher Bashō, Westlicher Onitsura. Er erreichte seine dichterische Erleuchtung unabhängig, zur gleichen Zeit wie Bashō, aber auf eigenem Weg. Wo Bashō die Ästhetik der geheimnisvollen Tiefe und kargen Schönheit entwickelte, setzte Onitsura auf direkte Ehrlichkeit in Alltagssprache.
Er führte seine eigene Itami-Schule, bewahrte seinen Samurai-Stolz und betrachtete Haiku weiterhin als »Nebenbeschäftigung«. Diese Unabhängigkeit macht ihn interessant: In einer Zeit, in der Bashōs Schule dominierte, bewies er, dass es alternative Wege zu poetischer Exzellenz gab.
Huiiihuiii pfeift der Wind
durch den leeren Himmel –
Winterpfingstrosen.
Auch im japanischen Original wird der jaulende Wind lautmalerisch dargestellt (hyuhyu). Onitsura scheute nicht vor solchen Mitteln zurück – Klang war ihm wichtiger als Konvention.
Weitere Haiku von Onitsura
Wasser eingießen –
in der Schale treibt
eine Kamelie!
Augen hin und her,
die Nase nach oben –
Frühlingsblüten!
Die Schnur reißt –
und zu einer Wolke
wurde der Drachen.
Perlhagel –
die Nachtschwalbe kehrt
zurück zum Mond.
Die Nachtschwalbe (yotaka) könnte sich auf einen Ziegenmelker beziehen, einen Vogel, der in der Dämmerung jagt. Sie könnte aber auch eine Prostituierte meinen, eine Frau, die nach einer kalten Nacht in ihr Quartier zurückkehrt. Eine reizvolle Doppeldeutigkeit.
Kein Liebesleben mehr –
und doch ergötzt mich
der Kleiderwechsel!
Der Kleiderwechsel (koromogae) war in Japan ein festgelegter Zeitpunkt im Jahr, an dem man die Kleidung der neuen Jahreszeit anpasste. Schulen, Beamte und das Kaiserhaus vollzogen diesen Wechsel offiziell am 1. Juni und 1. Oktober. In der Poesie steht er für Erneuerung und den feinen Moment, in dem man spürt: Etwas hat sich verändert.
Kaum spürbar –
und doch ist er da,
der Neujahrstag!
Wie beschämend –
erst beim Kirschblütenfest
das Alter zu bemerken.
Beim Blick auf den Brief –
auch in Edo regnete es,
Frühlingsregen.
Werkstattbericht
Das Foto oben wurde nach einer alten Zeichnung von der KI Nano Banana erstellt.
Übersetzerhinweis
Wie ich übersetze
Quellen
- 上島鬼貫 – Wikipedia (japanisch)
- Kotobank Encyclopedia Collection – Nihon Daihyakka Zensho, Sekai Daihyakka Jiten, Britannica Kokusai Daihyakka Jiten
- Kakimori Bunko (柿衞文庫) – Haiku-Sammlung mit Onitsura-Material
- Okada Rihee (Hrsg.): Onitsura Zenshū, Kadokawa Shoten, 1971
- Fukumoto Ichirō (Hrsg.): Onitsura Kusen – Hitorigoto, Iwanami Bunko, 2010
- Tsubouchi Nenten: Uejima Onitsura, Kobe Shimbun, 2001

