
Die Libelle (Tombō) hat in Japan eine kulturelle Bedeutung. Sie wird als Symbol für Mut, Glück und Erfolg betrachtet, weil sie sich im Flug nicht rückwärts bewegt. Im Haiku taucht sie häufig auf – die fliegenden Juwelen mit den großen Augen haben die alten Japaner seit jeher beeindruckt.
Hier sind zwanzig staunenswerte Exemplare von Kobayashi Issa.
Der Tag ist kurz –
Kobayashi Issa (1763–1828)
so wie das Leben
der Libelle war.
Die Libelle –
Kobayashi Issa
zwei Fuß geflogen,
dann noch mal zwei Fuß.
Die rote Libelle –
Kobayashi Issa
ob sie den Abend
so liebt wie ich?
Abendflut –
Kobayashi Issa
die Spitzen der Grashalme,
eine rote Libelle.

Die Libelle
Kobayashi Issa
lässt etwas fallen –
auf die Chrysantheme.
Junge Bambushalme –
Kobayashi Issa
schwankende Libellen
spielen mit ihnen.
Von der Libelle
Kobayashi Issa
angestarrt
wird der Buddha!
Buddha-Statuen wurden oft in der Natur aufgestellt. Die Libelle, Sinnbild der Vergänglichkeit, trifft auf den Buddha, der für ewige Ruhe steht – Bewegung und Stille in einem Bild.
Die Libelle –
Kobayashi Issa
mit ihrem Hinterteil
neckt sie den Sumida-Fluss.
Der Sumida-Fluss fließt durch Tokio und war schon in der Edo-Zeit ein beliebter Ort für Dichter und Künstler.
Auch die Libelle
Kobayashi Issa
zieht los, sie arbeitet –
der Nachtfluss!

Der alte Hund –
Kobayashi Issa
auf seinem Kopf thront
eine Libelle!
Die Libelle
Kobayashi Issa
wählt als Schlafplatz
eine Vogelscheuche!
Am Felsblock
Kobayashi Issa
hält sie fest –
die Libelle!
An meinem Tor –
Kobayashi Issa
aschfarben ist sie,
die Libelle.
Das ehrwürdige Fest –
Kobayashi Issa
ganz in Rot bricht sie auf,
die Libelle!

Vom Morgentau
Kobayashi Issa
satt und überfressen –
die Libelle!
Ferne Berge –
Kobayashi Issa
sie spiegeln sich im Blick
der Libelle.
Hundert Fuß hoch –
Kobayashi Issa
auf der Mastspitze thront
die Libelle!
Die Mondsichel –
Kobayashi Issa
ihr Blick durchbohrt sie,
die Libelle!
Die Libelle –
Kobayashi Issa
entschlossen starrt sie hinauf
zum Berg Fuji.
Der stechende Blick der Libelle wird humorvoll mit dem imposanten Berg Fuji in Beziehung gesetzt – ein Zusammenspiel von Kleinem und Großem, ein wiederkehrendes Thema bei Issa.
Die Morgenkälte –
Kobayashi Issa
das lernt auch
die Libelle!

Zwanzig Libellen, zwanzig Augenblicke. Issa zeigt sie thronend auf Hundeköpfen, starrend auf Buddha-Statuen, neckend über dem Fluss. In seinen Versen werden die fliegenden Juwelen zu kleinen Persönlichkeiten – mutig, eigensinnig, lebendig.
Über Kobayashi Issa
Kobayashi Issa (1763–1828) war ein japanischer Haiku-Dichter der Edo-Zeit, bekannt für seine humorvollen, mitfühlenden und oft tierbezogenen Gedichte. Er brachte in einfacher Sprache die Schönheit und das Leid des Alltags zum Ausdruck. Mehr: Kobayashi Issa – großer Haikudichter kleiner Dinge
Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


