
Kobayashi Issa (1763–1828) gehört zu den bedeutendsten japanischen Haiku-Dichtern und zählt zusammen mit Bashō, Buson und Shiki zu den Großen Vier.
Issa schrieb nicht nur über Erhabenes, sondern besonders gern über den Alltag, über Tiere und überhaupt über alles, was ihm begegnete. Sein Pseudonym Issa (»eine Tasse Tee«) steht sinnbildlich für die Bescheidenheit und Einfachheit seiner Werke. Sein Œuvre umfasst über 20.000 Haiku.
Auf dem Strohlager –
Kobayashi Issa (1763–1828)
Kirschblüten wecken
meine Fußsohlen auf.
Frischer Frühlingsrasen –
Kobayashi Issa
treten Sie näher,
Herr Wasserschnecke!
Ein schwieriger Start ins Leben
Issa wurde als Kobayashi Nobuyuki in Kashiwabara, einer ländlichen Region der heutigen Präfektur Nagano, geboren. Sein Leben war von Anfang an von Verlust geprägt: Seine Mutter starb, als er erst drei Jahre alt war, woraufhin seine Großmutter die Mutterrolle übernahm. Auch dieses Band wurde früh zerrissen – seine Großmutter starb, als Issa 14 Jahre alt war.
Das Verhältnis zu seiner Stiefmutter war angespannt. Als sein Vater beschloss, den jungen Issa nach Edo (heute Tokio) zu schicken, begann für Issa eine Phase von über zehn Jahren, über die wenig bekannt ist.
Morgendämmerung –
Kobayashi Issa
der Mond dringt durch die Kiefern
in meinen Winterkimono.
Wanderjahre und Rückkehr
In diesen Jahren wanderte Issa durch Japan, ohne festen Wohnsitz. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1801 kämpfte er lange um sein Erbe. In seinem Heimatdorf begann eine kurze Phase der Stabilität: Er heiratete seine erste Frau Kiku (Chrysantheme) und hoffte auf ein friedliches Leben. Doch das Glück war ihm nicht hold. Ihre gemeinsamen Kinder starben früh – ein Verlust, den Issa in seinen Haiku tiefgreifend verarbeitete. Auch Kiku selbst erkrankte und starb 1823.
Die große Chrysantheme,
Kobayashi Issa
behütet unter dem Strohdach –
Morgenschnee.
Die große Chrysantheme könnte symbolisch für Kiku stehen, da ihr Name direkt auf diese Blume verweist.
Meine Chrysantheme
Kobayashi Issa
sorgt sich weder um ihr Aussehen
noch um den Stil.
Issa heiratete erneut, doch auch diese Beziehungen waren von Verlust geprägt. Ein verheerendes Feuer im Jahr 1827 zerstörte sein Haus. Er lebte daraufhin in einem kleinen Lagerhaus, das als historisches Denkmal bis heute erhalten ist. Dort schrieb er weiter, bis er am 5. Januar 1828 in seinem Heimatdorf starb.

Die Poesie der kleinen Dinge
Issa war ein Meister darin, die kleinsten Aspekte des Lebens in seinen Haiku zu würdigen. Er schrieb 54 Haiku über Schnecken, 200 über Frösche, über 230 über Glühwürmchen und nahezu 1.000 über Insekten wie Flöhe, Mücken und Zikaden.
Es ist wie es ist,
Kobayashi Issa
selbst durch ein armseliges Fenster
kommt Licht herein.
Issa war kein weiser Poet wie Bashō und kein Ästhet wie Buson. Er sah das Leben unbeständig und in Einzelteilen, doch gerade diese Bruchstücke füllte er mit Tiefe und Empathie. Er hatte die Fähigkeit, im kleinsten Detail die ganze Welt zu erkennen. So schrieb er humorvolle, manchmal ironische, sogar freche Haiku, die häufig von einem zärtlichen Mitgefühl durchzogen sind.

Schlangensushi –
Kobayashi Issa
selbst als Medizin
nicht runterzubekommen.
Das Haiku ist echt und historisch. Das Gericht gab es allerdings nie – Issa spielt hier mit dem Ekel. Schlangensushi ist frei erfunden, aber Sushi war zu seiner Zeit eine stark riechende Speise, da der Fisch fermentiert wurde.
Ein Dichter ohne viele Schüler
Obwohl Issas Werke heute hoch geschätzt werden, hatte er zu Lebzeiten nur wenige Schüler. Diese Isolation mag an seiner unorthodoxen und eigensinnigen Herangehensweise gelegen haben. Dennoch fand er ein Publikum, vor allem unter einfachen Leuten, die sich mit seinem Werk identifizieren konnten.
Das Leben ist schön –
Kobayashi Issa
lauthals quaken
die Frösche.
Seine Gedichte sprachen eine Sprache, die für die breite Bevölkerung verständlich war. Während die literarische Elite ihn oft als sentimentalen Außenseiter betrachtete, sahen viele in ihm einen Dichter, der den wahren Geist des Lebens einfing.
Issas Bedeutung heute
Heute wird Issa als einer der größten Haiku-Meister Japans gefeiert. Seine Fähigkeit, die Schönheit und Tragik des Lebens in den kleinsten Details zu finden, macht ihn für moderne Leser besonders relevant. Während Bashō oft mit Zen assoziiert wird, sehen viele in Issa den menschlichsten der Haiku-Dichter, dessen Werke Humor und Mitgefühl vereinen.
Die flüchtige Welt –
Kobayashi Issa
ein kühler Nachthimmel,
die Wolken fliegen.
Anekdoten
Die Liebe zu Insekten: Issa soll Flöhe und Läuse mit bemerkenswerter Nachsicht betrachtet haben. Nach einem verheerenden Feuer in seinem Heimatdorf schrieb er humorvoll, dass sogar die Flöhe aus dem brennenden Haus geflüchtet seien und nun mit ihm im Lagerhaus Zuflucht suchten.
Mitgefühl für Tiere: Eine bekannte Szene beschreibt, wie er einem heimatlosen Spatz ein Zuhause bot, indem er das Vogelkind in seinem bescheidenen Heim aufnahm und mit Liebe versorgte.
Die Schnecke auf dem Berg Fuji: Issas Haiku über die Schnecke, die langsam den Berg Fuji erklimmt, schrieb er als humorvolle Antwort auf einen Schüler, der sich über die Langsamkeit von Fortschritt beklagte. Die Botschaft: Geduld und Beharrlichkeit können auch das scheinbar Unmögliche erreichen.
Vertraue einfach,
Kobayashi Issa
vertraue darauf –
die Kirschblüte blüht.

Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


