10 Haiku von der Arbeit – Wenn Dichter den Bauern zusehen

10 Haiku von der Arbeit – Wenn Dichter den Bauern zusehen

Die Haikudichter waren selten selbst Bauern. Sie wanderten vorbei, rasteten am Feldrand, beobachteten. Was sie sahen, war nicht romantisch: gebeugte Rücken, nasse Füße im Schlamm, Hände voller Erde. Aber gerade deshalb hielten sie es fest – weil in dieser Arbeit etwas lag, das sie selbst nicht kannten.

In diesen Haiku geht es nicht um Fleiß oder Tugend. Es geht um Momente: eine Pause im Schatten, ein Lied über den Feldern, die Ruhe nach getaner Arbeit. Die Dichter sahen genau hin – und manchmal sahen die Arbeiter zurück.

Das Reisfeld bearbeiten –
so weit wie der Kranich
im Rufflug zieht.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der Bauer misst sein Tagewerk nicht in Stunden, sondern in Weite. So weit der Kranichschrei trägt, so weit reicht die Arbeit. Ein Maß, das nur versteht, wer draußen steht.

Reispflanzerinnen –
nur ihre Lieder
bleiben unverschlammt.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Die Frauen stehen knietief im Wasser, setzen Setzling um Setzling. Alles an ihnen ist nass und schmutzig – nur die Stimmen steigen auf, unberührt vom Schlamm. Bashō hörte das im Vorbeigehen.

Wildblumen,
von seinem Kinn gestreichelt –
der siegreiche Sumoringer.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Nach dem Kampf liegt der Ringer im Gras. Die Wildblumen reichen ihm bis zum Kinn. Für einen Moment ist der Sieger nur ein müder Mann auf einer Wiese.

Selbst wenn der Kaiser kommt,
wird sie ihren Hut nicht lüften –
die Vogelscheuche.

Hōjō Dansui (1663–1711)

Die Vogelscheuche kennt keine Hierarchie. Sie steht da, Tag und Nacht, und tut ihre Arbeit – gleichgültig, wer vorbeikommt. Eine stille Würde, die Issa später in vielen seiner Verse aufgriff.

Beim Stallburschen
lauscht nur das Pferdeohr
dem Kuckuck.

Yokoi Yayu (1702–1783)

Der Stallbursche ist zu beschäftigt, um den Kuckuck zu hören. Aber das Pferd – das hat Zeit. Es dreht ein Ohr in Richtung des Rufs und lauscht, während der Mensch weiterarbeitet.

Die Last des Lebens
abgelegt –
Mittagsschlaf!

Masaoka Shiki (1867–1902)

Der Mittagsschlaf als kleine Erlösung. Für einen Moment ist nichts zu tun, nichts zu tragen. Shiki kannte diese Erschöpfung gut – er war die meiste Zeit seines kurzen Lebens krank.

Zikadensirren, Zikadensirren –
endlich gehe ich
Reis einkaufen.

Taneda Santōka (1882–1940)

Santōka lebte in Armut, oft von Almosen. Reis kaufen war keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ereignis. Die Zikaden sirren unbeirrt weiter – sie wissen nichts von leeren Schüsseln.

Morgenblume –
ich esse meinen Reis,
ein Mann halt.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Die Morgenblume öffnet sich, schön und vergänglich. Bashō sitzt daneben und isst. Keine große Geste, kein tiefes Gefühl – nur ein Mann, der frühstückt. Das genügt.

während mein Gewand trocknet
geht der Wind
durchs Gras

Taneda Santōka (1882–1940)

Eine Pause auf der Wanderschaft. Das Gewand hängt zum Trocknen, der Wanderer sitzt und wartet. Der Wind macht keine Pause – er zieht weiter, durch das Gras, über die Felder, wohin auch immer.

bluetenschmetterlinge

NEWSLETTER! HAIKU FÜR DICH

Melde dich an und erhalte jeden Sonntag ein Haiku in dein Postfach, einfach so und leicht wie ein Schmetterling. Mit Haiku-Überraschung (PDF).

Kostenlos. Jederzeit abbestellbar. Wir senden keinen Spam!

Bücher der Edition Hoshitori
Haiku, die uns glücklich machen – 300 achtsame Gedichte
Haiku, die uns glücklich machen
Haiku für jeden Tag – 300 japanische Klassiker
Haiku für jeden Tag
Harsche Haiku von Taneda Santōka
Harsche Haiku von Taneda Santōka