12 Haiku durch die Jahreszeiten – Ein Jahr in Versen

Ein Jahr in 12 Haiku – Japanische Verse durch die Jahreszeiten

Ein Jahr lässt sich in zwölf Versen erzählen. Die alten Haikudichter in Japan taten genau das – nicht als Zusammenfassung, sondern als Begleitung. Jede Jahreszeit brachte ihre eigenen Bilder mit, ihre eigenen Stimmungen.

Der Frühling mit seinen Blüten und dem ersten Vogelruf. Der Sommer mit Hitze, Flüssen und langen Nächten. Der Herbst mit fallenden Blättern und kühler werdenden Winden. Der Winter mit Schnee, Stille und dem Warten auf Wärme.

Diese zwölf Haiku führen in neuer Übersetzung einmal durch das Jahr. Nicht weil sie so geplant wären, sondern weil das Jahr selbst eine Ordnung hat, die sich in den Versen widerspiegelt.

Frühling

Kaum ist der Frühling da,
findet sich alles:
der Mond, die Pflaumenblüten.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Frühling beginnt –
sanft setzt der Kranich
seinen ersten Schritt.

Kuroyanagi Shōha (1727–1771)

Die Katze auf dem Zaun,
der Eimer unterm Vordach,
frisches Frühlingslaub.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der Frühling kommt nicht mit Gewalt. Er schleicht sich ein – eine Knospe hier, ein Vogelruf dort. Die Dichter spürten das genau: nicht das große Erwachen, sondern die kleinen Zeichen. Ein Kranich, der den Fuß hebt. Eine Katze, die wieder draußen sitzt. Und plötzlich ist alles da.

Sommer

Den Sommerfluss durchqueren –
was für ein Spaß!
Die Strohsandalen in der Hand.

Yosa Buson (1716–1784)

Wie blauer Himmel
der Sommerkimono,
den ich trage.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Krakenkrüge –
nur flüchtige Träume
unterm Sommermond.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Der Sommer ist laut und leise zugleich. Tagsüber die Zikaden, die Hitze, das Flimmern über den Feldern. Nachts der Mond, die Stille, das Wasser. Bashōs Krakenkrüge liegen auf dem Meeresgrund – in ihnen schlafen die Kraken ihren kurzen Schlaf, bevor sie gefangen werden. Ein Bild für alles Flüchtige.

Herbst

Gestern Kirschblüten,
morgen Ahornlaub,
heute der Mond.

Yosa Buson (1716–1784)

Im Herbstwind,
allein dastehend –
eine einsame Erscheinung.

Ryokan Taigu (1758–1831)

Herbstberge –
still ziehen die Wolken
vorüber.

Natsume Sōseki (1867–1916)

Der Herbst ist die Jahreszeit des Rückblicks. Die Blüten sind lange vorbei, das Laub beginnt sich zu färben. Buson fasst ein ganzes Jahr in drei Zeilen zusammen – gestern, morgen, heute. Ryokan steht allein im Wind, nicht klagend, nur beobachtend. Und Sōseki sieht Wolken ziehen, so ruhig, als hätten sie alle Zeit der Welt.

In meinem Buch Haiku für jeden Tag gibt es ein ganzes Kapitel, das genau solche Stimmungen sammelt: »So ist die Welt«.

Winter

Es ist mein Schnee!
Und schon wird er leichter
oben auf dem Strohhut.

Takarai Kikaku (1661–1707)

Eine Laterne
tritt in die Hütte ein –
winterkarge Steppe.

Masaoka Shiki (1867–1902)

Im Winterwind –
ein Schwein kichert
im Schlaf.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Der Winter reduziert alles auf das Wesentliche. Kikakus Schnee wird leichter, sobald er ihn annimmt – ein Moment der Akzeptanz mitten in der Kälte. Shikis Laterne wandert durch die Steppe, ein einzelnes Licht in der Dunkelheit. Und Issa hört ein Schwein im Schlaf kichern – selbst im tiefsten Winter gibt es etwas zu lachen.

bluetenschmetterlinge

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