
Der Kuckuck ruft, und niemand weiß genau, woher. Das ist sein Wesen in der japanischen Dichtung: eine Stimme ohne Körper, ein Klang, der aus dem Nichts da ist und im Nichts verklingt. Der Hototogisu, so sein japanischer Name, ruft bevorzugt in der Dämmerung, wenn die Grenzen zwischen Tag und Nacht verschwimmen.
Kaum ein anderes Tier ist so bedeutungsschwer. Der Kuckuck steht für Sehnsucht, für Vergänglichkeit, für den nahenden Sommer. Sein Ruf klingt melancholisch, fast klagend. Die alten Dichter hörten darin ein Echo ihrer Einsamkeit, oder eine Botschaft aus einer anderen Welt.
Die Morgendämmerung
Matsuo Bashō (1644–1694)
noch im Purpur –
ein Kuckuck.
Der Kuckuck –
Matsuo Bashō
durch den Bambusforst
sickert Mondlicht.
Vergänglichkeit und Ewigkeit in drei Zeilen, der kurze Ruf des Kuckucks und die endlose Mondnacht. Der Begriff »Forst« gibt dem Bild eine mystischere, altertümlichere Stimmung als das gewöhnliche »Wald«.
Orangenblüte –
Matsuo Bashō
wann und aus welchem Feld
ruft der Kuckuck?
Mein Freund,
Kobayashi Issa (1763–1828)
wir passen gut zusammen –
der Bergkuckuck.
Der Sichelmond –
Kobayashi Issa
spieß dir nicht den Kopf auf,
Kuckuck!
Typisch Issa, eine Warnung an den Vogel, sich am scharfen Mond nicht zu verletzen. Absurd, zärtlich, und doch mit einem Unterton von Sorge um alles Lebendige.
Der Mond geht auf –
Masaoka Shiki (1867–1902)
Gräser im Wind,
der Ruf des Kuckucks.
wenn ich gehe –
Taneda Santōka (1882–1940)
der Kuckuck
wenn ich eile –
der Kuckuck
Santōkas freie Form – kein 5-7-5, keine Jahreszeitenworte. Nur der Wanderer und der Vogel, der ihn begleitet, egal wie schnell oder langsam er geht.
Um wen bloß
Nozawa Bonchō (1640–1714)
kümmert er sich sogar nachts –
der Kuckuck?
Der Hototogisu, der traditionell für Leidenschaft und unerfüllte Sehnsucht steht, wird hier zur Figur stiller Hingabe. Er ruft sogar in der Nacht, ohne dass ersichtlich wäre, für wen.
Des Morgenblaus Angesicht
Takarai Kikaku (1661–1707)
weckt er auf –
der Kuckuck.
Morgendämmerung –
Shōha (1721–1781)
die Dirne spuckt Blut,
der Kuckuck ruft.
Ein erschütterndes Bild aus dem Vergnügungsviertel. Die Prostituierte, vermutlich an Tuberkulose erkrankt, und der Kuckuck, der auch hier ruft – unbeirrt von menschlichem Elend. Der Vogel steht in der japanischen Tradition für Vergänglichkeit und Tod.
Sterb‘ ich vor Liebe –
Anonymus (Genroku-Zeit)
ruf an meinem Grab,
Kuckuck.
Von einer Prostituierten in der Genroku-Zeit (spätes 17. Jahrhundert) verfasst. Eine letzte Bitte an den Vogel, der auch nach dem Tod noch rufen soll – als einziger Zeuge einer Liebe, die das Leben nicht überstand.
Werkstattbericht
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