Chiyo-jo (1703–1775) – Eine berühmte Haikudichterin

Chiyo-jo – Haikudichterin aus der Edo-Zeit

Der Eimer hängt fest. Die Ranken der Trichterwinde haben ihn umschlungen, als hielten sie ihn gefangen. Chiyo-jo steht barfuß am Brunnen, das Wasser braucht sie trotzdem. Sie lächelt, dreht sich um und geht zum Nachbarn. So entstehen drei Zeilen, die in Japan jeder kennt – aus einer Geste, die ebenso poetisch ist wie praktisch.

Chiyo-jo (千代女, 1703–1775) war die bedeutendste Dichterin der Edo-Zeit. Sie hinterließ über 1.700 Haiku, malte Haiga und wurde zu Lebzeiten von Yosa Buson um ein Vorwort für eine Anthologie gebeten.

Die Morgenblume
umschlingt den Schöpfeimer –
ich bitte um Wasser beim Nachbarn.

Chiyo-jo (1703–1775)

Die Morgenblume (Asagao) wird auch Prachtwinde oder Morning Glory genannt – eine Schlingpflanze mit blauen bis violetten Blüten, die sich morgens öffnen. Dies ist ihr berühmtestes Haiku, ein Klassiker schlechthin. Die Dichterin entscheidet sich gegen den praktischen Griff. Sie lässt die Blume, wie sie ist. In drei Zeilen liegt eine Lebenshaltung: Hingabe statt Gewalt, Rücksicht statt Zweck.

Kindheit in Matto

Matto, ein Handelsstädtchen vor den Toren Kanazawa. Werkstätten, in denen Leim riecht und Reispapier trocknet. In einer davon wächst 1703 ein Kind auf, das die Welt mit wenigen Silben zum Leuchten bringt. Chiyo-jo war Tochter eines Handwerkers, der Bildrollen fasst und repariert. Pinsel, Tusche, feuchte Bögen auf Klemmbrettern – das ist ihre Kindheit.

Die Provinz Kaga war zu dieser Zeit ein kulturelles Zentrum: Die Maeda-Herren förderten Künste und Handwerk. Als Zwölfjährige kommt Chiyo in den Haushalt eines reichen Kaufmanns. Dort lehrt ein Haiku-Meister. Das Mädchen lernt schnell. Als Teenager hört sie von einem Durchreisenden aus dem Kreis um Matsuo Bashō: Kagami Shikō. Sie traut sich in das Gasthaus, bringt Verse, wird geprüft und besteht.

Ein Schmetterling –
Spuren eines Traums
im Blumenfeld.

Heirat und Verlust

Mit achtzehn heiratet sie einen Samurai niederen Ranges. Es bleibt bei wenigen gemeinsamen Jahren. Der Mann stirbt früh, das Kind lebt nicht. Chiyo-jo geht nach Matto zurück. Sie hilft in der Werkstatt, pflegt Eltern, verliert sie. Es sind Jahre, in denen Pflichten das Dichten einrahmen. Die Verse werden seltener, aber sie werden dichter.

Endlich Wurzeln schlagen –
junge Frauen und ihr Sehnen,
Veilchenpflanzen.

Chiyo-jos Haiku sind keine Dekoration. Sie sind kleine Entscheidungen. Sie schreibt von Dingen, die vor der Tür liegen: Reif auf dem Holz, ein Insekt, das Fensterlicht, eine leere Straße im Mondschein. Ihre Bilder sind klar, die Sprache zurückgenommen. Begriffe wie sabi und shiori – Schlichtheit, Zartheit – beschreiben ihren Ton besser als jede Analyse.

Das Abendgeläut
verflüchtigt sich im Himmel –
Kirschblüten.

Chiyo-jo (1703–1775) – Eine berühmte Haikudichterin

Die Nonne

Im Jahr 1755, mit 52 Jahren, schneidet sie sich das Haar. Sie nimmt buddhistische Gelübde an und den Ordensnamen Sōen. Es ist kein Verstecken und keine Pose, sondern die ruhige Fortsetzung einer inneren Disziplin. Sie bleibt im Dorf, empfängt Besucher, schreibt Briefe, schreibt Haiku. Ihre Religiosität ist nicht laut. Man merkt sie an der Art, wie sie den Dingen Platz lässt.

Der Herbstmond –
zurückkehren,
um nichts zu sagen.

Die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit waren klar: Frauen sollten jung heiraten, Kinder gebären, im Hintergrund bleiben. Eigenständige literarische Tätigkeit galt als unüblich. Chiyo-jo wich von diesem Weg ab – nicht durch offene Rebellion, sondern durch Beharrlichkeit. Sie machte die Kunst zu ihrer Lebensaufgabe und blieb unverheiratet. Diese Kombination aus Unabhängigkeit und Anerkennung war für eine Frau der Edo-Zeit außergewöhnlich.

In die Blumenwelt
sacht eingehüllt –
der Nebelmond.

Anerkennung

Die Anerkennung kommt nicht in einer großen Welle, sondern als Reihe von Gesten. Der Fürst von Kaga bittet sie um kalligrafierte Verse, ein Geschenk für Gesandte aus Korea. Yosa Buson, einer der Erneuerer, bittet die über Siebzigjährige um ein Vorwort zu einer Anthologie von Dichterinnen. Man fragt sie um Stimme, nicht nur um Zeilen.

Was macht ihren Ton unverwechselbar? Der Blick. Er ist nah, aber nicht aufdringlich. Er nimmt die Dinge ernst, ohne sie zu erhöhen. Eine Winterchrysantheme ist nicht Symbol, sie ist Blume im kalten Wasser. Ein Libellenschwarm ist nicht Gleichnis, er ist Sommer in Bewegung. Chiyo-jo vertraut darauf, dass die Genauigkeit der Wahrnehmung das Wesentliche freilegt.

Der Traum vergeht nicht –
auf der Tatami blühten
Chrysanthemen heute.

Tod und Vermächtnis

Chiyo-jo stirbt 1775 in ihrem Heimatort Matto – der heute Teil der Stadt Hakusan ist. Sie ist dreiundsiebzig Jahre alt. In Hakusan erinnert man sich jedes Jahr mit dem Chiyo-jo Asagao Matsuri – dem Morgenblumenfest – an die Dichterin. Die Stadtblume ist die Asagao, die japanische Trichterwinde. Ein kleines Museum bewahrt Pinsel, Rollen, Drucke, Briefe.

Geknickt wird sie,
doch in der Hand duftet sie –
die Pflaumenblüte.

Was bleibt? Eine Haltung. Chiyo-jo zeigt, dass ein Leben in der Fläche groß sein kann. Keine Fernreisen, keine Metropole, keine Schule mit eigenem Banner. Eine Werkstatt, ein Haus, ein Kreis von Menschen. Und der Dtang, das Gesehene genau aufzuschreiben.

Chiyo-jo oder Chiyo-ni?

Ihr Name existiert in verschiedenen Formen: Chiyo die Frau aus Kaga, Chiyo-jo die Haiku-Poetin, und Chiyo-ni die buddhistische Nonne, all das liest man immer wieder. Ich habe mich auf Chiyo-jo festgelegt, wobei „jo“ Frau bedeutet, „ni“ wäre die Nonne.

Weitere Haiku von Chiyo-jo

Das Mondlicht
bleibt bei den Blumen,
selbst im Morgendämmer noch.

Die ersten Wildgänse –
sie werden mehr,
so wie die Nacht immer länger wird.

Unter dem Sichelmond
sinkt alles
in die Dinge ein.

Bei Quellwasser
gibt es weder vorne
noch hinten.

Dieses Haiku transportiert eine tiefe buddhistische Einsicht: Das Wasser kennt keine Trennung, kein »vorn« und »hinten«. Alles fließt, alles ist eins.

Der Strom allein,
fließende Dunkelheit –
Glühwürmchen!

Selbst der Vogelschatten
auf den Blättern ist einsam –
Wintermond.

Schmetterling, was träumst du,
dass du so mit den
Flügeln zuckst?

So oder so –
dem Wind überlassen,
das verwelkte Silbergras.

Chiyo-jo Haiku Illu

Werkstattbericht

Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.

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Übersetzerhinweis

Wie ich übersetze
Die Übersetzungen stammen von Lenny Löwenstern. Jede Zeile wurde sorgsam bearbeitet – nicht automatisch, sondern mit viel Sprachgefühl und modernen Werkzeugen. Ziel war, das Wesen der japanischen Originale zu bewahren – in einer Weise, die heute berührt.

Quellen

bluetenschmetterlinge

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