
Der Spatz ist kein edles Tier. Er singt nicht schön, er schillert nicht, er zieht nicht in ferne Länder. Er ist einfach da – auf dem Dach, im Staub, am Straßenrand. Vielleicht haben ihn die Haiku-Dichter deshalb so geliebt.
In Japan heißt er Suzume, und er gehört zum Alltag wie der Reis. Überall hüpft er herum, streitsüchtig und geschäftig, in Tempelhöfen und Hintergassen. Kein Vogel der Einsamkeit, kein Symbol für Sehnsucht. Der Spatz ist Gesellschaft – laut, gewöhnlich, unübersehbar.
Bleib nicht müßig!
Kobayashi Issa (1763–1828)
Die Spatzen tanzen,
die Falter flattern.
In den klaren Himmel
Kobayashi Issa (1763–1828)
steigt sein erster Ruf auf –
der frischgeschlüpfte Spatz.
Issa sah im Spatzen einen Verwandten: klein, zäh, unbeachtet, aber voller Leben. Wenn bei ihm ein Spatz zwitschert, als hinge das Seelenheil davon ab, dann zwitschert da auch Issa selbst.
Abendschauer –
Yosa Buson (1716–1784)
ein Schwarm Spatzen
klammert sich an die Grashalme.
Schneeschmelze –
Kobayashi Issa (1763–1828)
die Spatzen am Tor
feiern den Neujahrstag.
Die Spatzen tanzen –
Taneda Santōka (1882–1940)
der Löwenzahn
verweht.
Spatzen zwitschern –
Taneda Santōka (1882–1940)
was ich geliehen habe
kann ich nicht zurückgeben.
In der Speisehalle
Kagami Shikō (1665–1731)
lässt sich ein Spatz vernehmen –
Abendschauer.
Meine Wenigkeit
Natsume Sōseki (1867–1916)
dient als Vogelscheuche,
verehrter Herr Spatz.
Rollentausch und Ironie: Der Dichter verbeugt sich in förmlicher Höflichkeitssprache vor dem Spatzen – und macht sich selbst zur nutzlosen Vogelscheuche.
Der Frühlingsregen klart auf –
Hakō (1660–1725)
an der Dachkante
zwitschern Spatzen.
Tau fällt –
Kobayashi Issa (1763–1828)
als hinge das Seelenheil davon ab
zwitschert der Spatz.
Amacha ist der süße Tee, mit dem beim Kanbutsue – Buddhas Geburtstagsfest – die kleine Buddha-Statue begossen wird. Issa beobachtet, wie Spatzenküken sich in der ausgegossenen Flüssigkeit tummeln. Eine irdische, verspielte Parallele zur religiösen Handlung: Auch die kleinsten Wesen nehmen teil am Segen der Welt.
Spatzenkinder
Kobayashi Issa (1763–1828)
plantschen plitsch platsch
im süßen Tee!
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