
Einsamkeit war für die alten Haikudichter kein Problem, das gelöst werden musste. Sie war ein Zustand, manchmal gewählt, manchmal aufgezwungen – aber immer wert, betrachtet zu werden. Wer allein ist, sieht anders. Der Mond scheint heller, die Stille wird hörbar, die eigene Existenz rückt näher.
Diese Haiku klagen nicht. Sie halten fest, was ist: ein Mann auf der Straße, ein leeres Zimmer, ein Stern in der Milchstraße, der vielleicht auch allein schläft. Manchmal ist eine Prise Humor dabei, manchmal nur die nackte Feststellung. Einsamkeit, so zeigen diese Verse, hat viele Gesichter.
Ich wache auf,
Taneda Santōka (1882–1940)
Schnee fällt –
nicht, dass ich einsam wäre …
Die drei Punkte am Ende sagen alles. Santōka behauptet, nicht einsam zu sein – aber wer so betont, dass er es nicht ist, der ist es wohl doch. Der Schnee fällt lautlos, niemand ist da.
kein Wunsch zu leben,
Taneda Santōka (1882–1940)
kein Wunsch zu sterben –
nur der Wind rührt mich
Ein Zustand jenseits von Hoffnung und Verzweiflung. Santōka ist einfach da, ohne Richtung, ohne Verlangen. Nur der Wind berührt ihn noch – das einzige, was von außen kommt.
Im Herbstwind,
Ryokan Taigu (1758–1831)
allein dastehend –
eine einsame Erscheinung.
Ryokan war Mönch und Einsiedler. Er wählte das Alleinsein, aber das machte es nicht leichter. Der Herbstwind bläst, und er steht da – eine Gestalt am Rand der Welt.
Mein Stern –
Kobayashi Issa (1763–1828)
schläft auch er einsam
in der Milchstraße?
Issa schaut nach oben und fragt sich, ob sein Stern – sein persönlicher Stern – auch allein ist. Eine kindliche Frage, aber eine, die tief trifft. Sogar die Sterne könnten einsam sein.
müde kehre ich heim –
Taneda Santōka (1882–1940)
nichts als der Mond
am Himmelsrund
Nach einem langen Tag auf der Wanderschaft kehrt Santōka zurück – wohin auch immer »zurück« für ihn bedeutete. Niemand wartet. Nur der Mond ist da, riesig und gleichgültig.
Herbstregen –
Taneda Santōka (1882–1940)
noch immer
nicht gestorben
Ein Haiku, das verstört. Der Regen fällt, Santōka lebt noch. Es klingt nicht wie Erleichterung, eher wie Verwunderung. Die Einsamkeit ist hier so groß, dass das Weiterleben zur Überraschung wird.
irgendetwas fehlt –
Taneda Santōka (1882–1940)
Herbstlaub
fällt
Er kann nicht sagen, was fehlt. Aber etwas fehlt. Das Herbstlaub fällt, die Welt wird leerer, und das Gefühl bleibt unbenannt.
Ich starre der Einsamkeit
Masaoka Shiki (1867–1902)
mitten ins Gesicht –
Dezember!
Shiki war krank und ans Bett gefesselt, als er dieses Haiku schrieb. Der Dezember ist kalt, das Jahr endet, und er schaut der Einsamkeit direkt ins Gesicht – ohne wegzusehen.
unaufhörlich
Taneda Santōka (1882–1940)
das Rauschen der Wellen –
fern ist die Heimat
Santōka hatte keine Heimat mehr, nicht wirklich. Aber er erinnert sich daran, dass es einmal eine gab. Die Wellen rauschen, immer weiter, und die Entfernung wird spürbar.
alle schlafen –
Taneda Santōka (1882–1940)
was für eine schöne
Mondnacht …
Alle schlafen, nur er ist wach. Der Mond scheint, die Nacht ist schön – aber niemand sieht es außer ihm. Einsamkeit als Privileg? Vielleicht. Oder als Preis.