12 Haiku über die Liebe – Sehnsucht, Mondlicht und Nächte der Stille

12 Haiku über die Liebe – Sehnsucht, Mondlicht und stille Nächte

Liebe im Haiku ist selten laut. Keine großen Gesten, keine Schwüre. Stattdessen: ein Brief im Mondlicht, ein Blick durch Blätter, das Warten auf jemanden, der vielleicht nicht kommt. Die japanischen Dichter kannten die Liebe in all ihren Formen – die erfüllte und die unerfüllte, die zarte und die verzehrende.

Diese Haiku handeln davon, wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben. Manchmal glücklich, manchmal traurig, oft beides zugleich. Denn das ist die Liebe: Sie lässt sich nicht trennen von dem, was sie kostet.

Sehnsucht

Weiße Birnenblüten –
im Mondlicht versenkt sich
eine Frau in einen Brief.

Yosa Buson (1716–1784)

Wer schreibt? Wer liest? Buson zeigt nur das Bild: eine Frau, ein Brief, das Mondlicht. Der Rest bleibt Geheimnis.

Frühlingswind säuselt –
hörte ich, jemand warte auf mich,
ich käme heim.

Natsume Sōseki (1867–1916)

Ein Konjunktiv voller Sehnsucht: Wenn nur jemand auf mich wartete, dann würde ich zurückkommen. Aber wartet jemand? Sōseki lässt es offen.

Meine Liebe ist dunkel,
wie eine mondhelle
Nacht.

Natsume Sōseki (1867–1916)

Ein Paradox: Der Mond scheint, aber die Liebe fühlt sich an wie Dunkelheit. Sōseki kannte diese Zerrissenheit – er schrieb über die Einsamkeit wie kein anderer.

Nähe

Frisches Blattwerk –
deine Tränen möchte ich
fortwischen.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Eine zarte Geste, mitten im Frühling. Bashō zeigt Liebe als Fürsorge – nicht als Leidenschaft, sondern als Trost.

Der Herbst naht –
die Herzen rücken zusammen
im kleinen Zimmer.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Wenn es kälter wird, suchen Menschen einander. Bashō beschreibt das ohne Pathos – ein Zimmer, ein Herbstabend, und Menschen, die näher zusammenrücken.

Auch wenn ich alt werde,
das Jungsein ist erfreulich –
bei meiner Geliebten.

Tan Taigi (1709–1771)

Ein alter Mann, der sich jung fühlt – weil er bei der richtigen Person ist. Taigi sagt es ohne Umschweife.

Rausch

Kirschblüten verwandeln
die hässlichsten Leute –
Liebesrausch!

Ihara Saikaku (1642–1693)

Unter den Kirschblüten sind alle schön. Saikaku war ein Zyniker mit Herz – er sah die Verliebtheit als Verzauberung, und er meinte es nicht böse.

So viele Arten von Liebe –
doch die Unschuld scheint
in reinem, hellem Weiß.

Yosa Buson (1716–1784)

Buson kannte die Welt, aber er wusste auch, dass die erste Liebe – die unschuldige – einen eigenen Glanz hat, der später nie wiederkehrt.

Haiku, die uns glücklich machen hat ein ganzes Kapitel, das sich um das Glück in stillen Momenten dreht.

Strahlendes Lächeln –
die Liebessterne
in Hochstimmung.

Kobayashi Issa (1763–1828)

Die »Liebessterne« sind Wega und Altair – zwei Sterne, die sich laut einer japanischen Legende nur einmal im Jahr treffen dürfen. Issa sieht sie strahlen und freut sich mit ihnen.

Verlust

Sterb‘ ich vor Liebe –
ruf an meinem Grab,
Kuckuck.

Anonymus (Genroku-Zeit)

Eine Frau aus dem Vergnügungsviertel hat dieses Haiku geschrieben. Der Kuckuck steht in Japan für Abschied und Tod – sie bittet ihn, sie nicht zu vergessen.

Kein Liebesleben mehr –
und doch ergötzt mich
der Kleiderwechsel!

Uejima Onitsura (1661–1738)

Alt geworden, aber das Leben geht weiter. Onitsura findet Freude woanders – ein neues Gewand für die neue Jahreszeit, oder weil man anderen dabei zusehen kann.

bluetenschmetterlinge

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