
Die Welt des Haiku dreht sich seit Jahrhunderten um Natur und Vergänglichkeit. Jahreszeiten, Wetter, Pflanzen und Tiere sind seine Themen. Kirschblüten im Frühling, Grillenzirpen im Sommer, bunte Blätter im Herbst, Schneeflocken im Winter.
Haiku feiern die Schönheit des flüchtigen Moments. Sie erinnern uns an etwas Wichtiges: Das Leben ist kostbar, weil es nicht ewig währt. Aber da ist noch viel mehr.
Ein typisches Haiku besteht aus drei Zeilen. Die originale Silbenstruktur des Japanischen lässt sich nicht 1:1 übertragen. Haiku reimen sich normalerweise nicht, können es aber.

Oft geht es um stille Beobachtung. Der Dichter nimmt wahr, staunt, teilt seine Empfindungen. Schlichtheit und Klarheit prägen die Sprache. Wenige Worte genügen, um ein Bild, eine Stimmung einzufangen.
Haiku können auch Gefühle transportieren: Freude, Trauer, Sehnsucht. Manchmal schwingt leise Ironie mit. Oder ein Augenzwinkern. Trotz der Kürze berühren sie uns.

Häufige Wörter in Haiku
Die klassischen Gedichte sind stark von Naturbildern geprägt, die oft eine jahreszeitliche Bedeutung haben. Auch Tiere spielen eine wichtige Rolle als Symbole und Stimmungsträger. Hier sind einige Wörter, die in Haiku besonders häufig vorkommen:
Kirschblüten (sakura), Mond (tsuki), Nachtigall (uguisu), Teich (ike), Bambus (take), Nebel (kiri), Schnee (yuki), Herbstlaub (momiji), Kiefer (matsu), Reis (ine), Zikade (semi), Frosch (kawazu), Schmetterling (chō), Libelle (tonbo), Chrysantheme (kiku), Kranich (tsuru), Katze (neko), Hund (inu), Pflaumenblüte (ume), Weide (yanagi), Iris (ayame), Sake, Glühwürmchen (hotaru), Krähe (karasu), Kaki
Das Jahreszeitenwort Kigo
Das klassische Haiku spiegelt den Kreislauf der Jahreszeiten wider. Jedes Haiku enthält ein Jahreszeitenwort, das sogenannte Kigo, welches die Verbindung zur Natur und zum Zeitpunkt des Geschehens herstellt.

Frühlingskigo wie »Kirschblüten« (sakura) oder »Nachtigall« (uguisu) stehen für Aufbruch, Erneuerung und Lebensfreude. Sie symbolisieren die Vergänglichkeit – die Blüte verwelkt so schnell, wie sie gekommen ist.
Sommerkigo evozieren Hitze, Farbenpracht und Üppigkeit. »Lotus« (hasu) oder »Zikade« (semi) verweisen auf das Erwachen der Natur in voller Kraft.
Herbstkigo wie »Vollmond« (meigetsu) oder »fallende Blätter« (ochiba) gemahnen an Reife, Ernte und Loslassen. Sie reflektieren die Melancholie angesichts der schwindenden Lebensfülle.
Winterkigo wie »Schnee« (yuki) oder »kahle Zweige« (kare-eda) stehen für Ruhe, Einkehr und Kontemplation.
Neujahrskigo wie »erstes Sonnenlicht« (hatsuhi) oder »erster Traum« (hatsuyume) stehen für Hoffnung, Neuanfang und die Vorfreude auf das Kommende.
Kigo sind mehr als bloße Jahreszeitenmarker. Sie sind kulturell aufgeladen, rufen Assoziationsketten hervor. Kirschblüten wecken Gedanken an Hanami-Feste, an Samurai-Ethik und Mono no aware, die Wehmut über die Flüchtigkeit des Seins.

Was Haiku ausmacht
Bildhaft, konzentriert, meditativ, naturverbunden, prägnant, ruhig, saisonal, symbolisch, zeitlos – diese Adjektive beschreiben das Haiku am besten. Die Kunst liegt darin, in wenigen Silben eine Welt aufscheinen zu lassen. So kann der Leser teilhaben an einem flüchtigen Moment der Erkenntnis oder des Staunens.
Selbst sein Fallen
Fujimori Sobaku (1758–1821)
vergisst man –
die Stille des Schnees!

Werkstattbericht
Die Grafiken wurden von DALL-E und dem Microsoft Designer via Bing generiert.


